BESTÜNDE DIESE SCHULE NICHT, MÜSSTE SIE GESCHAFFEN WERDEN / MARTINA SOCHIN Dass die Schule aber auch streng war und Diszip- lin als höchstes Gebot eingestuft werden kann, ha- ben die ehemaligen Schülerinnen ebenfalls nicht vergessen. Die Strenge der Schule wurde nicht von allen akzeptiert. Es gab Mädchen, denen es zu viel wurde und die ausstiegen. Vor allem scheue und stil- le Mädchen, welche sich nicht zu wehren wussten, hatten unter manch einer Schwester psychisch zu leiden.154 Anderen gefiel das Leben in der Kloster- schule so gut, dass sie später selbst der Kongregati- on der ASC beitraten. Während des Jahres fanden an der Schule, wie an anderen Schulen auch, Ausflüge statt. Die Aus- flugsziele waren dabei vornehmlich Wallfahrtsorte, Orte, in deren Nähe die Kongregation eine weitere Niederlassung hatte, oder Betriebsbesichtigungen. Eine besondere Reise konnten Schülerinnen Anfang bis Mitte der 1950er Jahre machen, denn man fuhr nach Rom zur Generalleitung der Kongregation. Ende der 1950er Jahre begann ein Wandel im Ziel der Abschlussreise und die Reise wurde dement- sprechend weltlicher: Die austretenden Schülerin- nen fuhren nach München. Der Besuch eines in der Nähe liegenden Klosters stand nach wie vor auf dem Programm, aber das Oktoberfest und andere Se- henswürdigkeiten Münchens bekamen die Schüle- rinnen, in Reih und Glied durch die Strassen Mün- chens marschierend, ebenso zu Gesicht. Ebenfalls Gegenstand des Anschlussausfluges war das Kon- zentrationslager in Dachau. Mit einer Klasse, die sich Ende der 1960er Jahre gegen diesen Besuch wehrte, da sie ihre Abschlussreise nicht mit «tristen Gedanken»155 belasten wollte, wurde vor der Ab- fahrt hart ins Gericht gefahren und sie wurde von den Schwestern als oberflächlich taxiert. Zum Be- such des Konzentrationslagers gezwungen wurden die Schülerinnen aber nicht.156 Was an den staatli- chen Schulen Liechtensteins nicht Gegenstand des Jahresablaufes war, waren die Exerzitien, die regel- mässig für die Schülerinnen stattfanden.157 Meis- tens wurden diese in der Weihnachtszeit, der Fas- tenzeit oder vor den Sommerferien durchgeführt. Die Schülerinnen haben die Exerzitien als eine Ab- wechslung im Jahresablauf in Erinnerung und sie waren insofern mit etwas Aussergewöhnlichem ver-147) 
Siehe Bärbel Kuhn: Haus Frauen Arbeit 1915-1965. Erinnerun- gen aus fünfzig Jahren Haushaltsgeschichte. St. Ingbert, 1994. S. 9. 148) Ebenda, S. 112. 149) Ebenda, S. 11 7-119. Zur Hausarbeit und der Stellung der Frau als Hausfrau in der Schweiz siehe Elisabeth Joris: Die Schweizer Hausfrau. Genese eines Mythos. In: Sebastian Brändli etat (Hrsg.): Schweiz im Wandel. Studien zur neueren Gesellschaftsgeschichte. Ba- sel, 1990, S. 99-116. Zu den technischen und sozialen Veränderungen der Hausarbeit siehe Nadine Lefaucheur: Mutterschaft, Familie und Staat. In: Georges Duby. Michelle Perrot (Hrsg.): Geschichte der Frau- en. 20. Jahrhundert. Bd. 5. Frankfurt am Main, New York. 1995, S. 463-483, hier S. 473-476. I 50) Siehe zum ganzen Abschnitt die Interviews mit Frau D. und Frau E. vom 13. September 2006 (Frau D. besuchte das Institut St. Elisabeth Mitte der 1940er Jahre. Frau E. Anfang der 1950er Jahre): Frau Fund Frau G. vom 31. August 2006 (Frau F. und Frau G. besuchten das Insti- tut St. Elisabeth Anfang der 1950er Jahre); Frau I I. vom 16. September 2006 (Frau H. besuchte das Institut St. Elisabeth Ende der 1960er Jah- re): Frau 0. vom 29. September 2006 (Frau 0. besuchte das Institut St. Elisabeth Anfang der 1950er Jahre); Frau J. vom 10. Juni 2006 (Frau J. besuchte das Institut St. Elisabeth Anfang der 1960er Jahre); Frau K. vom 7. April 2006 (Frau K. besuchte das Institut St. Elisabeth Mitte der 1960er Jahre); Frau L. vom 20. Mai 2006 (Frau L besuchte das Institut St. Elisabeth Mitte der 1960er Jahre); Frau M. vom 18. April 2006 und Frau N. vom 9. Juni 2006 (Frau M. besuchte das Institut St. Elisabeth Mitte der 1960er Jahre. Frau N. Ende der 1960er Jahre). 1 51) Interview mit Frau K. vom 7. April 2006 (Frau K. besuchte das In- stitut St. Elisabeth Mitte der 1960er Jahre). 1 52) Interview mit Frau N. vom 9. Juni 2006 (Frau N. besuchte das In- stitut St. Elisabeth Ende der 1960er Jahre). 153) Beispielsweise die Abgeordneten Emma Eigenmann, Ingrid Hassler-Gerner, Marlies Amann-Marxer und Doris Frommelt. 1 54) Interview mit Frau 0. vom 29. September 2006 (Frau 0. besuchte das Institut St. Elisabeth Anfang der 1950er Jahre). Über die Jahre von 1946 bis 1974 hinweg kann von einem «Aussteigerdurchschnitt» zwi- schen vier und knapp zehn Prozent gesprochen werden. Die Anzahl der Schülerinnen am Ende des Schuljahres war aber trotzdem nicht viel geringer als die Anzahl der Schülerinnen am Anfang des Schuljah- res, da nicht nur Mädchen während des Schuljahres die Höhere Töch- terschule abbrachen, sondern andere während des Jahres auch in die Schule einstiegen. Siehe dazu die internen Klassenlisten der Höheren Töchterschule St. Elisabeth. 155) Interview mit Frau N. vom 9. Juni 2006 (Frau N. besuchte das In- stitut St. Elisabeth Ende der 1960er Jahre). 1 56) Interview Frau N. vom 9. Juni 2006 (Frau N. besuchte das Institut St. Elisabeth Ende der 1960er Jahre). 157) Fast alle der interviewten ehemaligen Schülerinnen sprachen während des Interviews von den Exerzitien. Siehe dazu beispielsweise die Interviews mit Frau. F. und Frau G. vom 31. August 2006 (Frau F. und Frau G. besuchten das Institut St. Elisabeth Anfang der 1950er Jahre); mit Frau H. vom 16. September 2006 (Frau II. besuchte das In- stitut St. Elisabeth Mitte der 1950er Jahre); mit Frau E. vom 20. Mai (Frau L. besuchte das Institut St. Elisabeth Mitte der 1960er Jahre). 43
        

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