Der Aufgabe der Frau schenkte man in der vier- ten Klasse Beachtung, die allgemein auch in den üb- rigen Unterrichtsstunden nicht mehr so stark von den Handelsfächern und mehr von den Hauswirt- schaftsfächern geprägt war. Hatten die Schwestern ihren Mädchen am Institut in den vorangegangenen Jahren das notwendige Wissen für ihre Zeit im Büro beigebracht, so wurden sie nun auf ihre «richtige» Rolle vorbereitet, die des Mutterseins, denn der «ei- gentliche, natürliche Beruf der Frau ist Mutter sein»111 und eine «rechte Frau sollte sich in der Fa- milie am wohlsten fühlen. Die Familie, das Heim ist ihre Welt».112 Dieses «heilige Mutteramt»113 kam ebenso zur Sprache wie das hauswirtschaftliche Können und die frauliche Tüchtigkeit. Am Beispiel von Tante Klara wurden die fehlende Mutterliebe und der überbordende Egoismus einer Frau kriti- siert. Bei Tante Klara müssen der Mann und die Kin- der das Frühstück selbst machen, während die Tan- te ausschläft. Ihre Mutterqualitäten werden in glei- cher Weise angezweifelt wie ihre Qualitäten als Hausfrau: Die Wohnung ist unaufgeräumt und dre- ckig. Die berufliche Tätigkeit der Frau wird als Zwi- schenstation bis zur Heirat angesehen und ist bloss als spätere Notlösung bei einem zu kleinen Einkom- men des Mannes gedacht. Den Platz an der Öffent- lichkeit darf eine Frau laut Lehrbuch wohl einneh- men, jedoch erst nach der Erfüllung ihrer Aufgaben als Musterhausfrau und Vorbildsmama.114 Inwieweit sich die am Institut St. Elisabeth in den 1960er Jahren lehrenden Schwestern mit diesen Lehrmeinungen im Einklang befanden, kann heute nicht mehr genau nachvollzogen werden. Es kann aber davon ausgegangen werden, dass vor allem in den Fragen der Sexualität, Empfängnisverhütung und Abtreibung die Meinung der Kongregations- schwestern auch gegen Ende der Höheren Töchter- schule noch klar auf der konservativen Lehrbuchli- nie lag.115 Während in der Gesellschaft von den 1940er bis hin zum Ende der 1960er Jahre ein Wan- del stattgefunden hatte, der sich in einem Bedeu- tungsverlust von Fragen zur Sittlichkeit und Sexual- moral manifestierte, gilt es zu bezweifeln, ob der Wandel in dieser Hinsicht auch am Institut St. Eli- sabeth stattgefunden hat.116 
RELIGIÖSE UND ETHISCHE WERTE- VERMITTLUNG: AUFSÄTZE UND DIKTATE ALS MEDIEN DER UNBEWUSSTEN EINFLUSS- NAHME Die religiöse und ethische Wertevermittlung kam am Institut St. Elisabeth selbstverständlich nicht zu kurz. Das christliche und nächstenliebende Verhal- ten prägte nicht nur die Religionsstunden, es durch- drang auch die restlichen Unterrichtsstunden. Die Aufsatz- und Diktathefte der ehemaügen Schülerin- nen zeugen von dieser Wertevermittlung; denn The- men zur christlichen Charakterbildung waren häu- fig Bestandteil der Aufsätze und Diktate, aber auch in den Abschlussprüfungen hatten die Mädchen über Gut und Böse zu urteilen. Die christliche Grundhaltung an der Höheren Töchterschule stand stets im Vordergrund. Obwohl, wie bereits dargestellt, Schülerinnen anderer Kon- fessionen an das Institut aufgenommen wurden, prägten die katholischen Werte und Vorstellungen den Unterricht. Eine ehemalige katholische Schüle- rin aus den frühen Anfangsjahren der Schule Ende der 1940er Jahre kann sich daran erinnern, dass die Schwestern sie am Institut immer bei ihrem zweiten Vornamen gerufen hätten, da der erste kein katholischer Name war. Sämtliche Hefte und Bü- cher, mit Ausnahme des Zeugnisses, hatte sie mit ih- rem zweiten Namen anzuschreiben.117 Durch die immer wiederkehrende Darstellung «korrekter», edler und sittlicher Verhaltensweisen in den verschiedensten Unterrichtsmaterialien nah- men die Schülerinnen diese Werte eher unbewusst als bewusst auf. Nächstenliebe, Dienst am Nächsten und Selbstlosigkeit waren häufig Themen der Dikta- te und die Geschichten endeten vielfach mit gut ge- meinten Ratschlägen oder Ermahnungen zur tägli- chen christlichen Pflichterfüllung. Der Charakterbil- dung massen die Schwestern grosse Bedeutung zu. Das Streben nach religiöser Vollkommenheit kam ebenso oft vor und wird in Diktat- und Aufsatztiteln wie «Du sollst den Sonntag heiligen» deutlich und ging den Mädchen in Fleisch und Blut über. In einem Diktat aus den 1950er Jahren heisst es beispielswei- se: «Meine grösste Freude wäre, wenn sich die Zeit 28
        

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