BESTÜNDE DIESE SCHULE NICHT, MÜSSTE SIE GESCHAFFEN WERDEN / MARTINA SOCHIN Die Zeiten am Institut änderten sich durch einige jüngere Schwestern in den 1960er Jahren. Vor allem diese hafteten nicht mehr ganz so stark den über- kommenen Moralvorstellungen früherer Zeit an und entwickelten sich aufgrund ihrer menschlichen Nä- he zu den Lieblingen ihrer Schützlinge.73 Strafen wurden am Institut St. Elisabeth unter- schiedlich gehandhabt. Sie waren jedoch laut Schü- lerinnensatzung im Schulleben klar vorgesehen:74 «Erweisen sich bei einer Schülerin, die ihren Ver- pflichtungen nicht nachkommt, Aufmunterungen und Ermahnungen als fruchtlos, oder liegen sonst Verfehlungen vor, die der Ahndung bedürfen, so ist gegen sie mit Schulstrafen vorzugehen. Dabei kom- men in Betracht: Verweis, Schularrest, zeitweilige Ausschliessung vom Unterricht und Entlassung.»75 Schulverweise kamen vor, jedoch äusserst selten und normalerweise blieb es bei Verwarnungen und Ermahnungen. Verfehlungen wurden in den An- fangsjahren der Höheren Töchterschule mit Geld- bussen bestraft. Wer beispielsweise durch die frisch gewachsten Gänge schlitterte, hatte 50 Rappen zu bezahlen, die der Mission zugutekamen. Während der Unterrichtspausen war es den Mädchen bis un- gefähr Ende der 1950er Jahre vorgeschrieben, hochdeutsch zu sprechen. Durch die Art der Bestra- fung, die für einen ausgesprochenen Dialektsatz ge- geben wurde, griff die soziale Kontrolle im Klassen- zimmer durch, denn fehlbare Mädchen bekamen pro Dialektsatz einen sogenannten Hühnerring76 und wiesen manchmal am Ende einer Pause zwei Finger voller solcher Ringe vor.77 Die allgegenwärti- ge Disziplin blieb in den Köpfen der ehemaligen Schülerinnen haften. «Also Disziplin war das Ein und Alles. Und wenn man sich einmal ein bisschen zu viel erlaubt hatte, musste man sich sofort ent- schuldigen.»78 Interne haben das Institut aufgrund der fehlen- den Möglichkeiten des «Ausbruchs» um einiges gnadenloser in Erinnerung, was nicht allzu sehr verwundern mag, waren doch ihre Abende und das Wochenende zusätzlich zum Schulalltag von den Schwestern durchgeplant. Im Gegensatz zu ihren externen Mitschülerinnen, für die zwei Mal in der Woche eine Schulmesse stattfand, hatten die Inter-63) 
Interview mit Sr. Ermelinde vom 30. September 2006. 64) Interview mit Frau K. vom 7. April 2006 (Frau K. besuchte das In- stitut St. Elisabeth Mitte der 1960er Jahre). 65) Interview mit Frau F. und Frau G. vom 31. August 2006 (Frau F. und Frau G. besuchten das Institut St. Elisabeth Anfang der 1950er Jahre). 66) Interview mit Frau K. vom 7. April 2006 (Frau K. besuchte das In- stitut St. Elisabeth Mitte der 1960er Jahre). 67) Interview mit Frau N. vom 9. Juni 2006 (Frau N. besuchte das In- stitut St. Elisabeth Endo der 1960er Jahre). 68) Interview mit Frau L. vom 20. Mai 2006 (Frau L. besuchte das In- stitut St. Elisabeth Mitte der 1960or Jahre). 69) Schülerinnonsatzung des Institutes St. Elisabeth, Schaan, B. Aus- serhalb der Schule, Paragraph 3. 70) Ebenda, Paragraph 1. 71) PAS, Fragen an die Eltern für die Tagung, Datum unbekannt. Laut einer Mitteilung von Sr. Alma Pia vorn 2. Oktober 2007 kann der Frage- bogen wahrscheinlich auf Anfang der 1960er Jahre datiert werden. Rückantworten der Eltern auf die Fragen der Schwestern waren im PAS keine auffindbar. 72) Schülerinnensatzung des Institutes St. Elisabeth, Schaan, B. Aus- serhalb der Schule. Paragraph 1-7. 73) Interview mit Frau L. vom 20. Mai 2006 (Frau L. besuchte das In- stitut St. Elisabeth Mitte der 1960er Jahre); Interview mit Frau M. vom 18. April 2006 (Frau M. besuchte das Institut St. Elisabeth Mitte der 1960er Jahre). 74) Gerald Grace kam in seinem Buch zu den katholischen Schulen Englands und Irlands zum Schluss, dass katholische Schulen traditio- nelle Methoden der Disziplinierung anwandten, die durch das Alte Testament gerechtfertigt wurden, indem dort davon die Rede ist, dass das Streben nach Wissen und Weisheit oft mit der Erfahrung von Schmerz verbunden sei. Schülerinnen an katholischen Mädchenschu- len hatten nicht so sehr unter physischen, als eher unter psychischer Gewalt zu leiden. Siehe dazu Gerald Grace: Catholic Schools. Mission, Markets and Morality. London, 2002, S. 57-58. 75) Schülerinnensatzung des Institutes St. Elisabeth, Schaan. A. Inner- halb der Schule, Paragraph 7. 76) Einen Plastikring für den Finger. 77) Interview mit Sr. X. vom 28. September 2006; Interview mit Frau F. und Frau G. vom 31. August 2006 (Frau F. und Frau G. besuchten das Institut St. Elisabeth Anfang der 1950er Jahre), Interview mit Frau D. und Frau E. vom 13. September 2006 (Frau D. besuchte das Institut St. Elisabeth Mitte der 1940er Jahre, Frau E. Anfang der 1950er Jahre). 78) Interview mit Frau L. vom 20. Mai 2006 (Frau L. besuchte das In- stitut St. Elisabeth Mitte der 1960er Jahre). Siehe dazu auch das Inter- view mit Frau M. vom 18. April: «Es waren eiserne Regeln einzuhalten». Oder auch das Interview mit Frau K. vom 7. April 2006: «Die Aufsicht war immer und überall und wir wurden ständig von einer Schwester beaufsichtigt, ob nun beim täglichen Spaziergang oder beim Mittages- sen.» (Frau M. und Frau K. besuchten das Institut St. Elisabeth Mitte der 1960er Jahre.) 21
        

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