rung auf den Fürstensteig vor, einen zerklüfteten und gebrochenen Pfad entlang einer wilden und schroffen Gebirgslandschaft. Doch diese Kurgäste, kurz vor ihrem Abmarsch, stehen nicht unter mei- nem Druck, mögüchst viel aus diesem Tag zu ma- chen. Die Sonne erreicht soeben die Bergspitzen und strahlt warm auf die parkähnliche Hochebene von Gaflei herunter. Wenn Gaflei die Nebelschwaden loswerden könn- te, welche den Ort tagelang verhüllen, so wäre hier das Paradies. Von den komfortablen Stühlen des Kurhauses aus können die Gäste alle Varianten des Bergkletterns erproben und auf andere Berge schauen, deren entferntere Gipfel - obwohl bekann- ter - nicht schöner sind als das hier Sicht- und Greif- bare. Es gibt hier eine genügend reichhaltige Szene- rie zu betrachten: St. Gallen, Graubünden, Vorarl- berg, der Bodensee, der Säntis, die hinter Bad Ragaz und Chur liegenden Fels- und Schneewände sowie ein sanft abfallendes Bergmassiv, dessen weiter ent- fernt liegende Wand an den Walensee herunterfällt wie bei einem norwegischen Fjord. Heute ist die At- mosphäre so klar wie das Läuten einer Glocke eines in den Hügeln von Umbrien liegenden Klosters. Vor dem Weltkrieg war der Fürstensteig ein gut geschützter Pfad, welcher durch eiserne Rohre am nackten Felsen befestigt war. Es muss aufregend ge- wesen sein damals. Viele dieser Eisenteile sind seit- her durch Sturm und Schneelawinen hinweggefegt worden. Es fragt sich, warum man gerade hier - in 6000 Fuss Meereshöhe und am Ende einer schmalen, Angst machenden Felstreppe - eine grasig-grüne Kuhwiese erreicht. Am Eingang zu dieser Weideflä- che steht ein Tor. Eine daran angebrachte Hinweista- fel bittet die Wanderer, das Tor zu schliessen, damit die Viehherde nicht vom Paradies in die Hölle zieht. Nach zehnminütiger Wanderung, zuerst den Grashügel hinunter und dann einen steilen, rutschi- gen Zick-Zack-Weg über Schieferflächen hinauf, hat man einen Ausblick über die gesamte Länge Liech- tensteins. Das Saminatal ist links unten, und das Rückgrat des Landes erstreckt sich zum Falknis hin, das Kurhaus auf der Sücka hinter sich lassend. Wir beschliessen, dort im Kurhaus unser Mittagessen 
einzunehmen. Doch diese herrliche Oase - von Auge aus gesehen so nahe gelegen - erreichen wir nach einem Fussmarsch von knapp zwei Stunden. Während meines Aufenthalts in Liechtenstein hat es viel geregnet. Aber auch in Trockenzeiten war Wasser und Wasserkraft überall zu finden. In unse- rem Gasthaus wurde das elektrische Licht nie abge- dreht, da man für die Lampe und nicht für den tat- sächlichen Strom bezahlte. Wenn Liechtenstein seine ganze Wasserkraft ausnützen würde, so müsste ein Grossteil des pro- duzierten Stroms exportiert werden. Das Wasser rinnt nämlich von den einzelnen Gebirgszügen in Strömen herab; Wasserfälle und kleinere Rinnsale fliessen ineinander, und nur selten kann man sich ihren Geräuschen entziehen. Zu meiner Überra- schung fand ich sogar tiefe Moorgebiete entlang dem Rückgrat dieses Landes. Die Hufe der Herdentiere trieben tiefe Löcher entlang den Anhöhen. Folglich sank ich hier auf dem Gebirgskamm tiefer mit meinen Schuhen in die Wasserlöcher als dies in den Torfmooren im Tal un- ten jemals der Fall war. Die Herdentiere, die auf dem Pilatus von Liechtenstein Station machten, standen mit ihrem Füssen knöcheltief im Schlamm. Dabei befanden sie sich doch eine Meile über der Meeres- höhe inmitten eines Hügels, von dem aus sanfte Ab- hänge in alle Richtungen mündeten. Über den Stalltüren sind kleine Holztafeln ange- bracht, auf denen - überlagert von einem christli- chen Kreuz - die Buchstaben I.H.S zu lesen sind, die den Christen schon lange vertraut sind. Jedes Jahr besucht ein Priester die Milchwirtscbaftsbetriebe und segnet dabei die Tiere, indem er ihnen eine sol- che Holztafel mit dem abgekürzt wiedergegebenen Segensspruch «In Hoc Signo» (lateinisch für: «in diesem Zeichen») anheftet. Von der Heiawangspitze aus geniesst man eine wunderbare Aussicht in das obere Saminatal. Zur Linken zeigt sich auf halbem Weg eine grosse Gras- fläche, die aussieht wie ein grosses Polofeld, von vio- letter Sanftheit und reinstem Grün. Diese Grasfläche ist von kleinen Llütten umgeben. Genau unterhalb dieser grossen waagrechten Grasfläche im Steg stürzt der Malbunbach in den Saminabach. 234
        

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