Volltext: Jahrbuch des Historischen Vereins für das Fürstentum Liechtenstein (2008) (107)

LIECHTENSTEIN IN ALTEN SCHILDERUNGEN NORBERT W. HASLER den durch Rauchtöpfe geschützt, die von der Wa- gendeichsel herunterhängen im optimistischen Glauben, dass so die Fliegen weg gehalten werden können. Aber der unglückliche Fahrradfahrer ver- fügt über keine solche, die Fliegen vertreibende Ausstattung. Mir schien, als würde mein Aufstieg zum höchs- ten Punkt des Eschnerbergs nie enden. Tage da- nach, als ich von den hohen Bergspitzen auf diesen blossen Hügel hinunterschaute, kamen mir die beim Aufstieg nach Schellenberg hinderliche Hitze und die Fliegen plötzlich lächerlich vor. Aber meine Vor- stellung des LIades (der Unterwelt), lebendig ge- macht durch viele Szenen aus taoistischen Tempeln, veranschaulichte sich noch viel dramatischer, wenn ich daran dachte, ich müsste einen glimmenden Rauchtopf über die heissen, torfigen Felder tragen - ohne Aussicht, die brutalen Fliegen damit verscheu- en zu können. Auf der Anhöhe von Schellenberg angelangt, of- fenbart sich hier ein entzückender Anblick. Die Landschaft von Schellenberg, eine Mischung von hellgrünen Wäldern, ist gleichrangig mit der Trie- senberger Gegend: beide Orte strahlen eine sanfte Schönheit aus. Drei Ortschaften tragen den Namen Schellen- berg. Ich verköstigte mich mit süssen Omeletten und mit gutem Kaffee in Mittel-Schellenberg. Hinter dem Kloster wanderte ich über blumige Felder und hatte eine schöne Aussicht auf Vorder- Schellenberg. Eingeschlossen in eine Szene seltener Schönheit, fand ich dies überaus lieblich. (Soviel zur Wirkung von süssen Omeletten und Kaffee.) Mit dem Fahrrad über Vorder-Schellenberg sanft hinab zu rollen war eine reine Freude, auch wenn der Ort selbst keinen Anlass zu einem Zwischenhalt bot. Die Freude blieb ungetrübt, obwohl die Abfahrt in der von Fliegen heimgesuchten Talebene endete. In Gamprin steht eine Mühle, die von einem Mann betrieben wird, der über Jahre in Minneapolis gelebt hatte. In Amerika indes betrieb er keine Müh- le, diese Arbeit nahm er erst nach seiner Rückkehr nach Liechtenstein auf. Als ich ihn in Gamprin traf, da hatte er ein staubiges Gesicht mit geweissten Au- genbrauen, der ebenfalls weisse und wie eine Teigli-nie 
aussehende Mund hiess mich in breitem Ameri- kanisch willkommen. Natürlich musste ich einen Moment verweilen und dabei das Ansichtskartenal- bum des Müllers anschauen, welches bunte Ansich- ten enthielt von Bahnhöfen, öffentlichen Bibliothe- ken und Parkanlagen vom halben Mittleren Westen Amerikas. «Ich habe Heimweh nach Amerika», sagte der Müller. Ich teilte mit ihm dieses Gefühl. Dann ging es einem sich zwischen Kanal und Rhein dahinschlängelnden Weg entlang - der Säntis überwachte die Szenerie und das Geschehen - bis ich zur nördlichsten der vier den Rhein überqueren- den Holzbrücken gelangte, welche Benderns kleine, aber sehenswerte Kirche mit der Schweizer Ort- schaft LIaag verband. Von dort aus wandte ich mich, dem Fussfuss des Schellenbergs (Eschnerbergs) entlang, nach Eschen. RASENLANDSCHAFT Es gab eigentlich keinen triftigen Grund, in Eschen anzuhalten. Es muss viele vergleichbare Ortschaften geben. Doch neben dem Wassertrog lag ein Rasen- feld. Zwei Tage nachdem das Heu auf den Feldern und auf den Berghängen geschnitten wurde, zeigte sich ganz Liechtenstein wie die Rasenflächen auf ei- ner Felsklippe; nur wurden hier diese niedrigen Ra- senfelder absichtlich so gemacht. Raue Steine setz- ten Grenzen, und obwohl die Rasenoberfläche sogar einen Tennisball hätte launisch werden lassen, war es hier offensichtlich, dass jemand absichtlich da- rauf hinarbeitete, ein bisschen Grün vor seinem Haus zu haben, nicht als Viehfütter, sondern als Au- genweide. Ich erholte ich mich in einem Gasthaus, welches mit Bildern von Musikkapellen und Ge- sangsvereinen geschmückt war. Doch meine Augen wandten sich wieder den draussen sichtbaren Ra- senlandschaften zu. Bei der Fahrt durch die Talebene begegnete ich einer grossen Anzahl heuender Menschengruppen, wobei Frauen einen Grossteil der Arbeit leisteten, die ihre Füsse nur mit einem kleinen Stück Leder- sohle bedeckten. Die Kinder sind barfuss unter- 231
	        

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