LIECHTENSTEIN IN ALTEN SCHILDERUNGEN NORBERT W. HASLER sör von der Frau schon Nationalität und Absicht des Reisenden. Bis zum Abend gibt es also keine Geheimnisse mehr. «Er hat seit seiner Ankunft jeden Abend ein heisses Bad genommen im  », sagt eine Stimme im Dunkeln während der wöchentlichen Filmvorführung im Kino. Diese Bemerkung mag auch auf jemand anderen zugetroffen haben, doch ich war froh, dass ich meine Waschbedürfnisse frei befriedigen konnte. Die Hauptstrasse von Vaduz ist Teil der Postauto- linie, welche das Land durchquert. Unterhalb des Schlosses erstreckt sich der Hauptort sowohl in der Talebene als auch am sanft ansteigenden Berghang. In nördlicher Richtung ist Platz für grosszügige Weinberge inmitten einzelner Lläuser. Daneben am Berghang haben einige Ausländer charmante Villen gebaut, von denen aus man einen wunderbaren Blick ins obere Rheintal hat. Die Art der Häuser variiert von wettergegerbten Holzhäusern, deren Farbe dem unter den Dachge- simsen gelagerten Brennholz entspricht und deren schattige, braun gebeizte Veranden durch Geranien aufgehellt werden, hin zu grosszügigen, mit Stucka- turen geschmückten Herrenhäusern, die auch an- derswo zu finden sind. Gegenüber der Kirche liegt ein entzückendes kleines Landhaus, zu dem ein Berg im Hintergrund passen würde. Dieses Haus ist indes reich geschmückt mit Blumen, bis hinauf zu den Dachgesimsen. Im Bereich des Eingangsportals sitzt ein Kleinkind mit vier Zähnen. Es gibt in Vaduz keine Bürogebäude, noch weni- ger gibt es grosse Geschäftshäuser. Ein Einkaufsla- den, ein Schuhgeschäft oder ein Postamt wird in ei- nem Haus eingerichtet, indem im entsprechenden Gebäude ein oder mehrere Fenster vergrössert wer- den und ein Teil des Hauses umgenutzt wird. Das Regierungsgebäude überragt würdig alle anderen Häuser, mit seinem Renaissance-Stil, mit seinem vergoldeten und bunten Mosaik und seinem impo- santen Eingangsportal. Und doch ist auch dieser Sitz der Fürstlichen Regierung und Verwaltung ge- nauso zugänglich wie jedes andere LIaus in Vaduz. Das Regierungsgebäude ist nachlässig umstellt mit Fahrrädern, und auch der Viehtreiber, seine Peit-sche 
auf die Seite legend, betritt das Gebäude mit grosser Selbstverständlichkeit. DER REGIERENDE FÜRST TRAT SEINE HERRSCHAFT NOCH VOR PRÄSIDENT LINCOLNS AMTSEINFÜHRUNG AN Machiavelli sagt, dass Herrschaftsgebiete (Länder) entweder unter einem Monarchen oder aber in Frei- heit leben. Die Bevölkerung von Liechtenstein wi- derspricht dieser Behauptung: Sie lebt sowohl unter der LIerrschaft eines Monarchen als auch in Frei- heit. Wer will denn schon so nüchtern sein und das Ge- rücht überprüfen, dass bis jetzt die Bevölkerung die- ses privilegierten Landes weder Militärdienst leiste noch Steuern zahle? Darüber hinaus heisst es gar, die Bevölkerung schicke dem Fürsten die Rechnun- gen für Festveranstaltungen, die zu seinen Ehren organisiert worden seien. Wer kann, an die Person des gütigen 87-jährigen Fürsten denkend , sich nicht vorstellen, welch glück- liche Hand dieser liebenswürdige Gentleman bei der Verwaltung dieses Fürstentums hat, dieses Lan- des, das nur ein Dreissigstel so gross ist wie seine persönlichen Ländereien? Liechtenstein ist so klein, so gut nachbarschaftlich, dass sich jemand als Krä- mer vorkommen muss, der nur nach harten Fakten gräbt. Das alte Schloss, 1907 durch eine dem histori- schen Bauwerk gerecht werdende Renovation wie- der in bewohnbaren Stand gesetzt, ist eine wahrhaf- tige Schatzkammer, dessen reiche Schätze mehr Wert als das ganze Land haben. DAS SCHLOSS IST EINE SCHATZKAMMER Das Schloss mit Grundmauern von 20 Fuss Dicke und hochgezogenen Mauern von immer noch zehn Fuss Dicke birgt nachfolgende Schätze: Dicke Bücher mit verstaubten Einbänden; schattige, im Laufe der Zeit vergilbte Gemälde; Fresken mit der Darstellung von Hirschen und Jagdszenen, gekrönt mit neuen Gewei- 229
        

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