Schellenberg (Eschnerberg) überragt, einer sanft hügeligen Erhebung, die jedoch im Vergleich zu den benachbarten Bergen sehr niedrig wirkt. Oberhalb von Schaan türmt sich eine wilde Fels- wand, an welcher der Zahn der Zeit seine Wunden und Narben hinterlassen hat. Das südliche Land- schaftspanorama wird durch die Falknisgruppe ab- geschlossen, die fast ebenso wild zerklüftet ist. Zwi- schen der 7000 Fuss hohen Kuhgratspitze und dem 8400 Fuss hohen Falknis senkt sich das Rückgrat des Gebirges auf knapp 5000 Fuss, so dass man über diesen Gebirgssattel hinwegsehen kann, mit freiem Blick auf den Naafkopf, dessen Gebirgsspitze von 8441 Fuss - geteilt mit Österreich und der Schweiz - den höchsten von rund einem Dutzend meilenhohen Berggipfeln im Pygmäen-Fürstentum darstellt. In der Senke des erwähnten Gebirgssattels ver- bindet ein kurzer Tunnel das dicht besiedelte Trie- senberg mit den verlassenen Abhängen des Sami- natals. Der Tunnel trägt dazu bei, dass die Strasse eine geringere Höhendifferenz zwischen beiden Tal- seiten überwinden muss. Im Sommer wandert man durch diesen tropfenden Tunnel, von der Ruhe der Heufelder hin zum Gebimmel der schwingenden Glocken, die den Tieren der Viehherden angehängt sind. Zwar kann von der Schweizer Seite aus das Sami- natal nicht direkt gesehen werden, doch ist ein Blick auf die das Tal überragenden Berge möglich. Womit man sagen kann, dass man von den Schweizer Ber- gen aus flächenmässig das ganze Fürstentum im Blick hat. Das Saminatal ist schmal, grösstenteils dicht bewaldet und wird in seinem unteren Teil von einem silbergrünen, reissenden Fluss aufgehellt. LIECHTENSTEIN KONKURRIERT MIT MONACO IN BEZUG AUF DEN GANZHEITLICHEN BLICK Kaum ein anderes Land - mit Ausnahme von Mona- co - kann so in seiner Gesamtheit mit einem Blick erfasst werden. Weder Andorra noch San Marino sind geographisch so vorteilhaft platziert. Jeder Be- sucher von Davos und St. Moritz, den Schweizer 
Rückzugsorten der besseren Gesellschaft, kann von Sargans aus die gesamte Länge des Fürstentums er- blicken, bevor sich sein Zug von Liechtenstein weg südüch wendet. Der Reisende in Richtung Bodensee und Deutschland lässt das ganze Land Revue pas- sieren. Reisende im Zug in Richtung Innsbruck, aber auch die Gäste des wöchentlich dreimal verkehren- den Orientexpresses sind auf Schienen unterwegs, die Liechtenstein in das Ober- und das Unterland aufteilen. Schaan, Haltestelle des Schnellzugs und Metro- pole, hat grosse Schaufenster, in welchen modische Kleider zum Verkauf bereit gestellt sind. Dennoch geben die Frauen hier ihr Geld meistens für haltba- re und pflegeleichte Baumwollstoffe aus. Ein Laden- besitzer hat jedoch das Schicksal herausgefordert, indem er moderne Llüte anbietet. Das Gasthaus in Vaduz, welches mich beherberg- te, würde anspruchsvollen Gästen wohl nicht gefal- len. Fliessendes Wasser war nur in einem Steintrog ausserhalb meines Zimmerfensters verfügbar. Und doch denke ich mit Wehmut an meine Unterkunft zurück. Die untere grosse Halle des Gasthauses war wie eine Durchgangsstrasse für das halbe Dorf. Auch so eine bescheidene Hauptstadt muss schliess- lich seine Pfauenallee haben! Das Bett war sauber und bequem. Die Mahlzeiten wären zu üppig gewe- sen für einen Müssiggänger, doch sie waren für ei- nen Berggänger mit schwerem Gepäck durchaus sättigend. Schon am ersten Tag fühlt man sich heimisch. Männer, Frauen und Kinder: alle betrachten den Gast mit durchdringender, aber freundlicher Zu- stimmung. Welch eine Freude ist es, diese zwangs- lose Inspektion zu absolvieren und mit «Grüss Gott» willkommen geheissen zu werden. Meistens wird nur «Sgott» gesagt, doch welche Freundlichkeit wird in diese kurze Silbe gelegt! Es ist unmöglich, ein Fremder zu bleiben. Ein sommersprossiger, lebhafter Knabe - seine kleinen Schwestern in einem holprigen Handwagen mit sich ziehend - bricht das Eis mit einem Lächeln und den Worten «Sgott». Seine Mutter tauscht dann auch ein paar freundliche Worte mit dem Gast aus, und bevor dieser die nächste Ecke erreicht hat, erfährt der Fri- 228
        

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