RUND UM LIECHTENSTEIN Ein winziges Fürstentum, welches der Besucher in einem Blick umfassen kann, bietet abenteuerliche Wanderwege zwischen steilem Weideland und ma- lerischen Dörfern Von Maynard Owen Williams Autor der im National Geographie Magazin veröf- fentlichen Beiträge «Die Tschechoslowakei: Der Schlüssel zu Mitteleuropa», «Lettland, Heimat der Letten», «Das Grossherzogtum Luxemburg», «Das ums Überleben kämpfende Polen», u. a. Illustriert mit Fotos des Autors Wenn Sie Liechtenstein mit dem Finger auf der Landkarte suchen, so folgen Sie dem burgenreichen Rheinland, fahren dem Schwarzwald entlang bis Basel, drehen dann ostwärts über den Rheinfall bis zur Flugzeughalle nach Friedrichshafen, wo Uncle Sam's Zeppelin - die Los Angeles - gebaut wurde. Hier befinden Sie sich nun am Bodensee, der sich im Dreiländereck von Deutschland, Österreich und der Schweiz befindet. Wenden Sie sich gegen Süden hin, erreichen Sie über ein hälftig zur Schweiz und hälf- tig zu Österreich gehörendes breites Tal nach 20 Meilen den nördlichsten Punkt des Fürstentums Liechtenstein, welches sich auf einer Fläche der fol- genden 15 Meilen in Nord-Süd-Richtung erstreckt und westlich über den Rhein schaut. Um persönlich nach Liechtenstein zu gelangen, ist Selbstdisziplin erforderlich. Sie lassen Paris und die Schweiz hinter sich, halten dann aber - unter- wegs nach Wien oder nach Budapest - unvermutet an. Nach einem Abend in Paris besteigen Sie vor 21 Uhr den Schlafwagen nach Budapest und kommen am nächsten Tag vor dem Mittagessen in Buchs an. Am Bahnhof wurde das babylonische Sprachgewirr durch linguistische Mischwörter vereinheitlicht, die Verwirrung in Klarheit übersetzen. Doch die Warte- schlange beim Aussteigen aus dem Zug stockte und der Expresszug schnaubte ungeduldig. Wir setzten unseren Weg fort. «Oh, mein Gott», stiess der Mann 
vor mir hastig aus, «das war ja ein Holländer, der versuchte, mit dem Fahrkartenverkäufer Esperanto zu reden». «Ihr Leute bemüht Euch nicht, neue Sprachen zu lernen», entgegnete ein anderer Esperanto-Dele- gierter, von einer Fachtagung in Zürich kommend, welche die Schaffung einer gemeinsamen Sprache begrüsste. Dieser Esperanto-Delegierte war auf fast aggressive Weise begeistert von dieser Idee und schloss mit dem Worten: «Aber wir in Mitteleuropa lernen neue Sprachen». Der Zug rollte über einen eindrucksvollen Kanal, überquerte dann den Rhein und hielt nach zwei Meilen wieder an. «Niemand steigt hier aus», ver- kündete der Zugbegleiter. Doch er war falsch infor- miert. Ich sah meinen Schrankkoffer auf dem Bahn- steig, bemerkte die Schrift «Schaan-Vaduz», ergriff meinen Llandkoffer und meinen Fotoapparat und sprang vom fahrenden Zug hinunter auf liechten- steinischen Boden. Nach rechts blickend, erstreckte sich die schmale Ebene zwischen den eine Meile hohen Bergen und dem Rhein bis nach Sargans hin, über die Südspitze des Lilliput-Landes hinaus. Auf der linken Seite war das «Unterland» zu sehen. Der Expresszug hatte mich bei der Grenzlinie zwischen Schellenberg und Vaduz ausgespuckt, welche einst zwei separate Ter- ritorien und Lehensgüter des Römischen Reiches waren. Jemand, der Liechtenstein primär als einen Teil der Zollunion mit der Schweiz betrachtet, erwartet eigentlich, dass dieses kleine Gebirgsland westlich des Rheins liegt, eher angelehnt an St. Gallen als an der Schulter des Vorarlbergs. Aber politische Verän- derungen überspringen einen Fluss leichter als dies meilenhohe Berge zu tun vermögen. Bis 1919 war das freie Liechtenstein wirtschaftlich mit Österreich verbunden. Die Buchstaben K. K. (bedeutend Kaiser und König) beim Schaaner Postamt sind zwar teil- weise ausgelöscht, aber immer noch erkennbar. An diesem Ort ist der Rhein kein romantischer Fluss für Tiefwasser-Segler mit einer Seejungfrau, die ihre Zöpfe den Bubikopf-Touristen präsentiert. Der Rhein hat hier vielmehr eher wenig Wasser, er hat ein steinernes Flussbett, das heute stellenweise 226
        

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