gewiesen, aber sie liess nicht nach, bis sie im Zim- mer vor der fürstlichen Hoheit stand, der sie dann, wie man zu sagen pflegt, bei allem Respekt doch deutlich die Leviten las: als Fürst hätte er die Pflicht, hie und da zu seinem Volke zu kommen, das mit grosser Verehrung an ihm hange. Der Zuspruch nützte und seither ist schon zu etlichen Malen herr- schaftliches Leben in den sonst verlassenen Räu- men des Schlosses eingekehrt. Was hundert ge- scheite Männer nicht erreichten, hat eine Frau er- reicht. 0 diese Weiber! Das Schloss, das für Besucher geöffnet ist, enthält interessante Sehenswürdigkeiten: die gewaltige Um- fassungsmauer mit der Zugbrücke, lauschige Höf- lein und romantische Winkel. Der älteste Bestand- teil ist der zyklopenhaft gebaute Turm, der Heiden- turm genannt, der vielleicht aus dem 9. Jahrhundert stammt. Im Schloss ist eine Kapelle mit alten Male- reien und Schnitzwerk, die Waffensammlung mit Hellebarden und Steinschlossgewehren, Zimmer mit reichverziertem Getäfel und ein kleines Landes- museum. Am schönsten war's aber, als da droben noch ein Wirt seines Amtes waltete, und man in ei- ner Nische des Rittersaales zu den hohen Fenstern ins Land hinaus schauen konnte beim feinen Vadu- zerwein, in die fruchtbare Ebene hinunter mit dem Rheinstrom und hinüber zu den heimatlichen Ber- gen der Appenzeller und des St. Galler-Oberlandes. Der gute Wein macht das Auge wacker, dass es auch rückwärts schauen kann in die alte Zeit. Son- nenbeglänzte Jahre grüssen mit winkender Hand. Der Minnesänger zieht aus dem Tale zur Bergeshö- he hinauf, des Willkommgrusses sicher. Im Kreise edler Damen singt er dem rastenden Ritter von stol- zen Recken und der Nibelungen Not, singt von Lenz und Liebe und der Dame seines Herzens, den Frau- en zur Kurzweil. Hornruf erschallt. Das Turnier ruft zum friedlichen Wettstreite der Waffen, ein Schau- spiel voll schimmernder Pracht. Doch das Spiel wird Ernst. Den stählernen Helm mit dem bunten Feder- busch auf dem Haupte, mit Eisen beschützt und be- wehrt, das Schwert an der Seite und die Lanze in der Faust, ziehen sie hinaus in Kampfund Streit, gehor- sam dem Ruf ihres Kriegsherrn. Wieder gehen Jahr- hunderte vorbei. Im Schwabenkriege machen die 
Schweizer dem Schlosse höchst unliebsamen Be- such. Das dunkelste Blatt aber ist der Hexenglaube, der nach dem dreissigjährigen Kriege auch in Liech- tenstein seine unheimlichen Flammen auflodern liess. Ihrer viele haben in dunklen Kerkerverliessen dieser Burg nach unsäglichen Folterqualen ein bit- teres Ende gefunden. So birgt das Schloss eine Fülle von Erinnerungen, hellen und dunkeln. Wir aber treten aus der Dämmerung früherer Zeiten wieder in den hellen Tageschein der Gegenwart. Wir wandern südwärts gegen Luziensteig an der Bündnergrenze. Weingelände, Getreidefelder, Bau- ernhäuser sind am Wege, auf den Höhen zerfallene Burgen. Triesen, ein stattlicher Ort mit grosser Baumwollspinnerei, war einst nach der Volkssage eine blühende Stadt Trisun. Aber die Bewohner wa- ren gottlos, und die Strafe Gottes brach über sie he- rein. Ein Engel rief ihnen warnend zu: «Wer dem Untergang entgehen will, fliehe eilends nach Sant- Amerta!» (Gemeint ist eine Kapelle im Walde). Doch nur ein einziges Weib gehorchte, setzte den beiden Kindern gedörrtes Obst zum Naschen vor und floh in das Kirchlein, um zu beten. Ein fürchterliches Un- wetter brach los. Vom Berge toste die Rüfe herunter und begrub die Stadt. Als die Frau zurückkam, war Trisun untergegangen. Ihr Haus aber stand noch, wo sie ihre Kinder unversehrt hinter dem Tische sit- zend fand. Die Amertuskirche steht heute noch. Auch das Haus werde noch gezeigt und unterschei- de sich durch altertümliches Aussehen von den an- dern. Die Sage gibt dem sittlichen Gerechtigkeitssin- ne der Volksseele Ausdruck, der nichts mehr zuwi- der ist als der Hochmut des Geldes, der meint, er al- lein gebe dem Menschen Wert und dem Leben Gehalt, alles andere sei nichts. Die an den Berghängen weitverzweigte Gemein- de Triesenberg soll, wie Davos im Bündnerlande und die Walsertäler Vorarlbergs, im frühen Mittelal- ter von freien Waisern aus dem Wallis besiedelt wor- den sein; die Bewohner unterscheiden sich heute noch durch die Mundart von ihren Nachbarn im Tale. Als praktische Leute haben sie bei der Aus- wanderung aus dem Wallis ihren Schutzpatron mit- zunehmen nicht unterlassen, den St. Theodul, zu dessen Ehren der bekannte Walliserpass benannt 202
        

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