zwanzig Personen auf diese Weise aus ihren Häu- sern hinausgetragen haben. Anderen Tages lag er an Lungenentzündung schwer erkrankt zu Bett. Hoffentlich ist es dem Arzte gelungen, ein Leben zu retten, dem das Dichterwort gilt: «Hoch klingt das Lied vom braven Mann, wie Orgelton und Glocken- klang!» Alle aber, die sich ihrer unversehrt gebliebenen Heimat freuen dürfen, haben die Pflicht zu helfen und welches Herz bliebe wohl angesichts solchen Elends und Jammers ungerührt! Wer wäre so arm, dass er nicht doch noch von dem Seinigen etwas er- übrigen könnte! Ja, wer noch einen sicheren Ver- dienst hat, ein Arbeitsfeld, auf dem er schaffen kann, ein Obdach, das ihn schützt, und wär's nur ein bescheidenes Heim, er muss sich dieser unglückli- chen, heimatlosen, obdachlosen Leute erbarmen! Oder sollen wir fragen: «Was gehen sie uns an? Sie gehören weder zu unserem Vaterlande noch zu un- serer Konfession!» - Die Bevölkerung ist durchwegs katholisch. Es gibt auch nicht ein protestantisches Kirchlein im Lande. Hat uns aber Christus nicht das Gleichnis vom barmherzigen Samariter erzählt? Er sieht das Unglück des Verwundeten, die klaffende Wunde, das rinnende Blut, das bleiche Gesicht, er fragt nicht, ob Jude oder Samariter oder Heide, er stellt nur das eine fest: das ist ein Mensch, der mei- ner Hilfe bedarf, der ohne meine Hilfe zugrunde geht! Jesus schliesst das Gleichnis mit den Worten: «So gehe hin und tue desgleichen!» Das sollen auch wir, hingehen und desgleichen tun, nicht fragen, ob Landsmann oder Fremdling, Christ oder Israelit, Katholik oder Protestant, Gläubiger oder Ungläubi- ger, nicht einmal fragen, ob er's überhaupt nur ver- dient, dass ihm geholfen werde. Was kümmert uns, woher er ist, wie er heisst, was er denkt und glaubt, er ist ein Mensch, ein Gotteskind und darum uns Bruder oder Schwester. Doch nicht bloss Bilder des Jammers wollen wir schauen. Auch über Liechtenstein hat einmal die Sonne geleuchtet, und will's Gott, kommen bald an- dere, bessere Zeiten, dass die Bilder Wirklichkeit werden, die es im Glück und Wohlstand zeigen. Die Liechtensteiner sind brave, arbeitsame und sparsa- me Leute. Sie bebauen ihre Scholle und dienen der 
Industrie im Tiefland, im Hochlande heuen und kä- sen sie und treiben das Vieh auf die Weide. Es ist dort viel Gewerbigkeit daheim. Dabei verfügt der Liechtensteiner über eine gute Portion natürlichen Verstandes, vorsichtiger Klugheit, fast möchte man sagen Schlauheit. Sie haben schon vor vierzig Jah- ren der österreichischen Geldwirtschaft nicht ge- traut. Um so leichter fiel ihnen der Wechsel, der sie nach dem Kriege aus der österreichischen in die schweizerische Vereinigung führte. Sie sprechen ohnehin den Dialekt des St. Gallischen Rheintales mit bündnerischem Einschlag. Wie die Churer ge- hen auch sie nicht in die Küche, sondern «i d'Kuhi», und wie die Rhein taler sagen sie anstatt kaufen: «koofen». Vaduz aber, den Namen ihres Hauptortes sprechen sie aus «Vadoz», was ein wenig an die Ap- penzeller erinnert. Vaduz zählt etwa 1400 Einwohner und gehört zu den kleinsten Residenzen auf dem ganzen Erden- runde. Mit seinen alten, währschaften Bauernhäu- sern hat es ländlichen Charakter. Die Kirche ist in edlem gotischem Stil erbaut und hebt sich stim- mungsvoll von der durch Bäume verdeckten Fels- wand ab, an die sich das Dorf anschmiegt. Der Name Vaduz stammt aus dem romanischen «Val dulcis», was soviel wie mildes Tal heisst, und der Name ist wahrlich nicht unverdient. Üppige Wal- nussbäume beschatten die Strasse. Maisfelder rei- chen dicht an sie heran, und in den Rebbergen wächst der feurige Vaduzer Wein. Wir können's ver- stehen, dass in alten Zeiten, als noch die deutschen Krieger an ihres Kaisers Seite ins ferne Welschland ritten, sie meinten, hier schon in Italien zu sein. In der Tat weht uns Südlandszauber an, und am heis- sen Sommernachmittag fühlt man sich irgendwo im Südtirol oder Veltlin. Vaduz darf auch einen be- rühmten Tonkünstler seinen Mitbürger nennen: Rheinberger, der 1839 hier geboren und 1901 in München gestorben ist. Als Komponist zahlreicher Messen, Motetten, Männerchöre, Orgelwerke und Kinderlieder geniesst er einen guten Ruf. Wer für eine musikalisch begabte Kinderschar ein hübsches Singspiel sucht, mag sich den «Armen Heinrich» an- sehen, wenn er überhaupt noch erhältlich ist. Mit seinen lieblichen Weisen und seinem sentimental 200
        

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