LIECHTENSTEIN IN ALTEN SCHILDERUNGEN NORBERT W. HASLER ebenfalls restaurierte Feste Gutenberg, die als einzi- ge im Schwabenkrieg dem Ansturm der Schweizer standzuhalten vermocht hatte. «Im Unterland» nächst Schaan und dem jüngst in seinem Bestände durch die Überschwemmung des Rheins bedrohten Dorf Ruggell, unterbricht die weite, ebene Fläche der malerische Bergzug des Eschner- und Schellen- berges. Unmittelbar am Rhein, den zwei gewaltige Schutzdämme begleiten, dehnen sich Sumpfgebiete, die «Riede» hin, deren die meisten in jüngster Zeit infolge der Rheinkorrektion und anderer Meliora- tionen in saftgrüne Wiesen und fruchtbare Äcker verwandelt worden waren. Es war dies eines der grössten Werke, die durch des Fürsten freigebige Hand im Verein mit der Schweiz ermöglicht wur- den, ein wichtigstes schon deshalb, weil die Bevöl- kerung seit Urvätertagen auf Agrikultur angewiesen ist. Ein grosser Teil dieses Bereichs wurde jüngst durch die verheerenden Fluten des Rheins, welche die Schutzdämme durchbrachen, verwüstet. Die Beschäftigung mit der Viehzucht hatte von je- her ihr Hauptgebiet in den Vorbergen der Alpenwelt an der Ostgrenze des Landes, wo die drei Schwes- tern, der Rappenstein, die Mittagspitze und der Falk- nis beherrschend aus einer Kette wald- und matten- bedeckter Berge aufragen. Mehrere Almhütten ha- ben sich zu komfortablen Kurhäusern entwickelt, so dass schon vor und noch mehr nach dem Weltkriege ein wirtschaftlich bedeutsamer Fremdenverkehr eingesetzt hat, wie z. B. im schöngelegenen Luftkur- hause Gaflei. Die Fürsorge des Landesfürsten hat vorzügliche Verbindungswege zwischen den Haupt- punkten der Almwirtschaft, der Masescha, Gaflei und den Häusern oben im Saminatal, der Sücca, Malbun usw. geschaffen. Die romanischen Namen stammen aus der frühen Zeit, da sich von Graubün- den das romanische Element bis hieher erstreckte. Ein touristisches Kabinettstück ist der mit guten Si- cherungen ausgestattete, romantische «Fürsten- weg», eine Schöpfung des Landesherrn. Ins Felsen- gehänge eingesprengt, verbindet er Vaduz mit Feld- kirch. So hat die Natur in Liechtenstein pittoreske Gegensätze nebeneinander gestellt; knapp grenzen die Bergschönheiten an die Ebene; am Fusse der Berge gedeiht sogar ein köstlicher Wein. In der «Su-serzeit» 
lockt der Saft der Traube Gäste von fern und nah, besonders aus Feldkirch, in hellen Scharen an. Berggänger bewundern mit Vorliebe die Kämme und Spitzen des «Ländles», wie das Fürstentum kurzweg genannt wird. Rauschende Bäche stürzen allenthalben von den Gebirgen in die Ebene hinab, dem Rhein zu; unter ihnen ist der stärkste der Lawe- nabach, dessen Wasser bestimmt ist, die elektrische Kraft für das Fürstentum zu liefern. Zwischen Trie- sen-Triesenberg, welch letzteres Bergdorf der Ein- wanderung vertriebener Protestanten aus dem Wal- lis seine Entstehung verdankt, und Balzers tost der Wildbach zwischen steilen Felswänden hinunter. Der Liechtensteiner war von jeher als fleissig, ge- nügsam und berechnend bekannt. Im benachbarten Tirol und Vorarlberg hat er so ungefähr den Ruf wie der Grieche im Orient. Diese Eigenschaft hat ihn be- fähigt, in der Zeit grösster Not nach dem Weltkrieg mit einem scharfen Strich sein Verhältnis zu Öster- reich zu lösen und sich in wirtschaftlichen Bezie- hungen, so im Post-, Münz- und Zollwesen, der freundnachbarlichen Schweiz anzugliedern. Wäh- rend des Krieges war das Land zwar neutral, litt aber unsäglich, da es einerseits von der Schweiz ab- geschlossen war und anderseits von Österreich, mit dem es durch die Münz- und Zollunion verbunden war, fast keine Zufuhr erhielt. So geriet die Bevölke- rung von Liechtenstein, die vorher wegen ihrer ge- ringen Besteuerung und ihres Wohlstandes von den Nachbarn beneidet worden war, in eine förmliche Hungersnot. Der Fürst hatte nicht nur keine Zivillis- te von seinen Untertanen bezogen, sondern bei allen öffentlichen Bedürfnissen eingegriffen; er hatte Kir- chen-, Schul-, Krankenhausbauten usw. durch selbst- eigene Initiative mit reichlichen Mitteln errichtet. Es wurde auch die seit 1862 bestehende Verfassung in demokratischem Geiste schon vor und entscheidend nach dem Weltkriege ausgebaut. So rollte sich die Frage der Bildung des neuen Liechtenstein nach der Kriegszeit zu einem Ländchen verheissender Zu- kunft naturnotwendig auf. Es fiel niemandem ein, Revolution zu machen. Man hielt treu zum altehr- würdigen, körperlich und geistig trotz hohen Alters rüstigen Fürsten, dem man so viel verdankte, aber man machte einen Strich durch die Union mit Öster- 191
        

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