LIECHTENSTEINISCHES LANDESMUSEUM 2007 Und doch fand damit ein langsames Umsteuern statt, das sich seitdem rasant entwickelt hat: die marktabhängige Evaluierung des Museums über das Verhältnis zwischen Geld und Publikum, Spar- zwang und Quotensteigerung. Das Museum wurde damit, wie die anderen kulturellen Sparten auch, dem Spagat zwischen extremer Wirtschaftlichkeit und gleichzeitiger Steigerung von Attraktivität und Effizienz unterworfen. Die Folgen sind bekannt: Event, Marketing, Öffentlichkeit um jeden Preis auch dort, wo bislang eher die Langzeitstrategien von Sinn und Besinnung, Aufklärung, Bildung, Wis- sen vom Museum als «kollektivem Gedächtnis» hat- ten sprechen lassen. «Kaufen kommt von Kunst» ti- telte Jürgen Krönig schon 1994 
in Die Zeit die ra- sante Wende der Londoner Museen und anderer In- stitute zur Themenparkphilosophie. Das Museum nurmehr «Amüsement» statt Garant neuer Kanon- bildung? Das Museum als Kaufhaus der Sinne, als McMuseum kurzweiliger Unterhaltung im Mall- Stream der Erlebnis- und Vergnügungsindustrie, als «Schauladen einer ästhetischen Wechselwirtschaft» (Eduard Beaucamp, 2000)? Wie und wo kann da ein Museum alter Meister mithalten, wo liegen seine Stärken im Wettbewerb um Zuspruch, Geltung, Wir- kung, aber auch die unveräusserlichen Grundaufga- ben, die dem Inhalt und der Institution als solcher geschuldet sind? Das je Eigene ins Allgemeine, Qua- litäten auch in Quantitäten überführen, wie soll das gehen? Da werden Szenographien, Themenpar- cours und Verbalinstruktionen nebst Kinderkunter- bunt bemüht, die vor allem eines wollen: Kunst, mit dem Rücken zur Wand im Übertragungssinn, soll zur Performance werden. Zur Schau der Bilder lässt man die Peitsche knallen und dreht aufgeschmockt Redepirouetten. Es ist schwierig geworden, und das Treiben bringt mittlerweile Blüten seltsamer Art hervor. Bildende Kunst, zum (An)Schauen bestellt, wurde von jeher vom Wort der Erklärung und Vermittlung begleitet, und das Museum selbst ist nicht unwe- sentlich eine Frucht der Aufklärung und ihrer päda- gogischen Mission. Präsentation und Vermittlung von der Wand über den gedruckten Katalog bis zur wortlebendigen Führung vor Ort sind ihm in die 
Wiege gelegt. Das Wissen um die Dinge war das eine, die Schule des Sehens - auch das ein Schlag- wort der 1970er und 1980er Jahre - das andere. Ge- wiss wäre es zu einfach, ersteres nun allein Sache der Wissenschaft, letzteres Sache der ästhetischen Erziehung, der Museumspädagogik sein zu lassen. So oder so ist aber das eine ohne das andere nicht zu denken, auch wenn dem Wissenschaftler mit mehr Nachdruck die Treue und Verantwortung gegenüber den Objekten und Bedingungen der Geschichte auf- gegeben sind und dem pädagogischen Vermittler deren Aktualisierung in der Gegenwart der Nutzer. Die Wege können dabei gelegentlich weit auseinan- derdriften, je nachdem wie radikal der Ansatz bei der Entstehung der Werke oder deren Wirkung heu- te liegt und ob sich das Museum im Prozess der An- eignung von Kunst eher von innen nach aussen oder von aussen nach innen definiert. Im Moment folgt es dem Öffentlichkeits-, Markt- und Medienwandel hin zur Anpassung an den Markt, was dem heutigen Beobachter unumkehrbar scheint. Also: Werbung und Verpackung als Verfüh- rung zur Kunst, die, selbst Medium, erst mit den Wort- und Bildprothesen kommerziellen Marke- tings von heute, E-Commerce eingeschlossen, zur Geltung kommen könne. Diese Perspektive aber setzt oft andere Werte, schaltet gleich und nutzt eine Rhetorik der Gängigkeit, die keinerlei High und Low mehr kennt und keinen Kanon. Denn die Resonanz ist alles, die Quote, die es mit allen Mitteln zu erzie- len gilt. «The Best of» - diese Sloganpraxis des Ver- kaufs macht sich alles Untertan. Es ist schon er- staunlich, wie in einer Ausstellung Caravaggios illegitime Kinder plötzlich als Echtheitssurrogate propagandistisch vermarktet werden und der Me- dienerfolg sich selber feiert, statt kritisch die so ge- nannte Galashow zu hinterfragen. Der Mix von Exo- tik und Erotik, Mozart und Orient, so im Titel einer ansonsten ganz soliden und normalen, wohl kaum sensationellen Kunst- und -gewerbeschau noch letz- ten Jahres, ist mit voller Absicht auf verbale Appeti- zer hin stilisiert, und längst haben Akt, Nackt & Co., die Impressionisten und immergleichen Helden der Kunstgeschichte, nunmehr Medienstars im öffentli- chen Wettbewerb, das Publikum im Griff. Themen, 177
        

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