Ende der 1960er und bis Mitte der 1970er Jahre be- fand sich wieder einmal das Museum in der Krise, aber so grundsätzlich in Theorie und dann auch Praxis wie kaum jemals zuvor. Solches Krisenbe- wusstsein, immer wieder beschworen und Titelbe- standteil vieler Publikationen, ist Ausdruck eines permanenten Wandels und perpetuiert sich im Zei- chen von Kritik, Reform und Veränderung im Ver- hältnis von Gesellschaft, Werteauffassung und de- ren kultureller Intentionen und Institutionen. Die davon angeregten internen und externen Diskurse über das Was, Wie und Für wen der Institution Mu- seum folgten in den «68ern» ganz unterschiedli- chen Leitbildern und Bedingungen. Fast nostalgisch mutet heute an, mit welchem Aufruhr damals Uni- versität, Museum und Gesellschaftstheorie zu neuen Ufern aufzubrechen angehalten waren. Die nach ih- rem Missbrauch während der NS-Zeit in konserva- tiv ängstliche Immanenz getriebenen Geisteswis- senschaften mussten sich mit dem Generations- wechsel nach dem Kriege eine neue Legitimation verschaffen - in einer freien, grenzoffenen, materiell prosperierenden Gesellschaft, die alte Lasten ab- schütteln wollte und neue Lust an progressiven Ent- würfen verspürte. Die Studentenunruhen, APO und der soziologisch-philosophische Überbau zwischen Karl Poppers «offener Gesellschaft» und Habermas' «Strukturwandel der Öffentlichkeit», zwischen Adorno / Horkheimers Frankfurter Schule und Levi- Straussens Strukturalismus Hessen auch die Kunst- geschichte nicht unberührt und führten zu Debatten um deren Erkenntnisinteresse und «soziale Rele- vanz». «Das Kunstwerk zwischen Wissenschaft und Weltanschauung», wie eine Sektion des Kunsthisto- rikerkongresses 1970 in Köln und die daraus fol- gende Publikation (hrsg. Martin Warnke) Messen, brachten eine Flut kunst-soziologischer Publizistik zwischen Marx und Marcuse hervor und sollten ei- nen Marsch durch die Institutionen auch für die Kunstgeschichte zwischen Lehre und Anwendung, zwischen Universität, Museum und Denkmalpflege zur Folge haben. Ein Auf- und Ausbau der Museumspädagogik war die Folge, begleitet von Kongressen, Handbüchern und Vernetzung. Man dachte das Museum «von in-nen 
nach aussen», während man die museologi- schen Konzepte aktualisierte. Die Aktionsmittel des Museums - Präsentation, Ausstellung, Publizistik, Medieneinsatz, alters- und sozialorientierte Publi- kumserschliessung sowie Resonanzerhebung, Füh- rungswesen und kreatives Gestalten vom Vorschul- bis zum Seniorenalter - wurden neu überdacht, was zwischen Berlin und München, Karlsruhe und Braunschweig nachgerade zu einem Wettbewerb um Vermittlungsmodelle und «best practice» führ- te. Gemeinsames Ziel waren Abbau von Schwel- lenangst und Erschliessung neuer Besucher- schichten, Arbeiter und Ausländer inklusive, das Museum nicht als Reservat und Enklave, sondern mitten im gesellschaftlichen Leben als «Ort der Begegnung». Die neue Parole hiess denn auch «Dienstleistungsbetrieb» (Dieter Sauberzweig). «Öf- fentlichkeit» wurde zum Zauberwort einer ganzen Museumsliteratur, und die «Zukunft der Museen» respektive «Die Zukunft der Vergangenheit», hier Köln, da Historisches Museum Frankfurt, wurden zu Bestsellern nicht nur in Volontärsetagen. «Lern- ort contra Musentempel» - dieses Schlagwort von damals bezeichnete dann aber doch eine verfehlte Alternative. Aus der Rückschau gesprochen, kann für die end- siebziger und anfangachziger Jahre der Nach- kriegs-Slogan entlehnt werden: So viel Anfang war nie, oder: So viel Museum war nie. Das Museum leb- te und boomte, und die Welle der Neubauten oder Neugründungen von München und Stuttgart über Frankfurt und Köln bis Emden wurde Teil der Post- moderne und ihres Neohistorismus. Die Menschen strömten in die Museen, und schnell war vom Hun- ger nach Geschichte und Anschauung die Rede, von Sinnsuche und selbst Lebenshilfe. Und obwohl be- reits die Anfänge finanzieller Rezession, Mittel- schwund und Stelleneinsparung spürbar wurden - die Ideologie vom notwendigen Nutzen und der Pragmatismus sozialer Vermittlung trugen Kunst und Museum den gesellschaftspolitischen Rückhalt auch dann noch ein, als Freizeit- und Erlebnismarkt immer attraktiver, vielfältiger und medial dominan- ter, die Museen und Städte untereinander zu plura- listisch-egoistischen Konkurrenten wurden. 176
        

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