REZENSIONEN / «WO DEIN HIMMEL, IST DEIN VADUTZ» geheimnisvoll bleibt - verfasste um 1485 
eine Alte schwäbische Geschichte samt Chronik, die sich wie eine phantastische Vorgeschichte der Grafschaft Va- duz liest. Der Chronist erwähnt einen Anselm von Starkenberg als Vorfahren des Geschlechts der Mont- forter. Die Umbenennung von Starkenberg zu Mont- fort sollen die «Welschen von Churwalchen» (Chur- walden) bewirkt haben. Diese nicht uninteressante Deutung bleibt indes Fiktion, auch ist die Person des Anselm von Montfort historisch nicht belegt. «Tho- mas Lirer» erwähnt indes korrekt die historisch be- legte Teilung des Montforter Geschlechts in die Gra- fen von Montfort und die Grafen von Werdenberg. Im dritten Kapitel «Der Dichterfürst und Liechten- stein» behandelt Graham Martin den Bezug Johann Wolfgang von Goethes (1749-1832) zum Fürsten- tum. Goethe weilte, auf seiner Rückreise von Italien nach Weimar, in der Nacht vom 1. auf den 2. Juni 1788 tatsächlich in Vaduz. Es ist nicht belegt, in wel- chem der drei damaligen Vaduzer Wirtshäuser (Löwen, Adler oder Engel) der Dichterfürst über- nachtete und wie er den Aufenthalt erlebte. Dass Goethe später in seiner «Novelle» (1826) authentisch über Liechtenstein berichtete, erweist sich bei nähe- rer Betrachtung als Trugschluss. Hingegen berichte- te Goethe in seiner autobiographischen 
Skizze Dich- tung und Wahrheit (1811) über die Krönungsfeier- lichkeiten, die 1764 anlässlich der Wahl des Königs von Rom - der mit diesem Titel zum Thronfolger des römisch-deutschen Kaisers wurde - in Frankfurt stattgefunden haben. Bei diesem festlichen Anlass sah Goethe erstmals den Fürsten Josef Wenzel von Liechtenstein (1696-1772). Einen weiteren Fürsten (Prinzen) Josef Wenzel von Liechtenstein traf Goethe dann mutmasslich 1786 in Rom. Ein Liechtensteiner Adliger führte Goethe in den Gelehrtenzirkel der Ar- kadischen Akademie ein. Über diese für ihn hilfrei- chen Begegnungen berichtete Goethe im 1816 er- schienenen ersten Teil seines 
Werks Italienische Rei- se. Goethes Tagebucheintragungen und Briefe bele- gen schliesslich eine Freundschaft mit dem um 26 Jahre jüngeren Fürsten (Prinzen) Moritz von Liech- tenstein und dessen Gattin Leopoldine. Ihnen war Goethe erstmals 1810 bei einem Kuraufenthalt im böhmischen Karlsbad begegnet. Abschliessend zeigt 
sich, dass die Kontakte Goethes zu Mitgliedern des Fürstlichen Hauses Liechtenstein doch deutlich nachhaltiger waren als zum gleichnamigen Fürsten- tum am Alpenrhein, das er lediglich kurz besucht hatte. Der zweite Vertreter der deutschen Klassik, Frie- drich von Schiller (1759-1805), weilte nie in Liech- tenstein. Ein einziger, wenn auch rätselhafter, Bezug zu Liechtenstein wird in zwei kurzen Passagen in Schillers Wallenstein hergestellt. Darin wird eine Person «Lichtenstein» ohne weitere Konkretisierung genannt. Ein Gundaker von Liechtenstein spielte of- fenbar eine entscheidende Rolle beim Sturz Wallen- steins. Ob sich Schiller dieser Person bewusst war, ist indes zu bezweifeln; denn in Schillers historischer Abhandlung Geschichte des dreissigjährigen Krieges werden keine Angehörigen des Hauses Liechtenstein erwähnt. «WO DEIN HIMMEL, IST DEIN VADUTZ» Im Kapitel «Romantik» geht Graham Martin auf die Liechtenstein-Bezüge bei den Autoren Johann Paul Friedrich Richter (1763-1825), der besser als Jean Paul bekannt ist, und Clemens Brentano (1778-1825) ein. Diese Liechtenstein-Bezüge sind teils frei erfun- den, teils stark romantisiert. Clemens Brentano war es schliesslich, welcher in der 1837 erschienenen er- weiterten Fassung seines um 1815 erstmals erschie- nenen 
Buches Das Märchen von Gockel, Hinkel und Gackeleia dem vorliegenden Buch von Graham Mar- tin den Titel gab: «Wo dein Himmel, ist dein Vadutz». Einen vöüig fiktiven Bezug zu Vaduz zeigt sich im Ro- man Siebenkäs des Autors Jean Paul. Darin will der Romanheld Siebenkäs durch seinen fingierten Tod von seiner kleinbürgerlichen Frau Lenette loskom- men und in Vaduz mit seiner Geliebten Natalie zu- sammentreffen. Graham Martin zitiert dazu LIilmar Ospelt wie folgt: «Hier ist Vaduz wohl nicht um seiner selbst willen gewählt, sondern als ein fernes Land, fern von allen Schwierigkeiten und lästigen Dingen des früheren Daseins, eben ... eine Art Märchenland, wo sich ein neues Leben beginnen lässt» (S. 55). 107
        

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