liner Theaterlebens», «eine groteske Ausnutzung des Startums», einen «auf die schlechtesten In- stinkte und auf die Verbildung der Masse des Thea- terpublikums» gerichteten «Spielplan sowie eine skrupellose Amerikanisierung im schlechten Sin- ne» vor. Unter «Rotterbühnen» verstehe «jeder ... Schmierentheater, die mit großstädtischen Mitteln und Manövern ernsthafte Bühnen zu sein vortäu- schen.»122 Bezeichnenderweise schrieb der amerikanische Schriftsteller John Dos Passos in seinem 1925 erst- mals erschienenen Roman «Manhattan Transfer» aber gerade: «... die Reklame macht nicht den Er- folg ... Wenn das ginge, wären sämtliche Theater- direktoren in New York Millionäre ... Die Reklame macht es nicht, auch die guten Kritiken machen es nicht, vielleicht ist es Genie, vielleicht ist es Glück, aber wenn man dem Publikum in einem bestimm- ten Augenblick und in einem bestimmten Theater das bieten kann, was es haben will, dann ist der Erfolg da.»123 Selbst die liberale «Vossische Zeitung» nahm in der Nummer vom 1. August 1924 am Scherbenge- richt gegen den neuen Theaterbegriff der Rotter teil: «... die Spekulation mit dem Publikum gegen die Kunst, das ist der Feind, gegen den sich in letz- ter Stunde die Schauspielerschaft im Bunde mit der Presse wehrt.»124 Sogar der berühmte Kritiker Al- fred Kerr, der später, 1933, ins Exil gehen sollte, bezeichnete die Rotter auf Anfrage der Theaterab- teilung in einem Brief vom 27. Juli 1924 in be- fremdlichem Jargon als «die übelsten Schädlinge», «welche die deutsche Theaterkunst seit Geschlech- tern aufzuweisen hat.» Und der 1867 geborene Kerr fuhr fort: «Deutschlands Bühnenkunst, jahr- zehntelang die erste der Welt (und noch heut im Ganzen unerreicht), wird vornehmlich durch die Rotter-Praxis heruntergebracht.»125 Dann aber bezeichnete in der - deutschnationa- len - «Deutschen Zeitung» vom 5. August 1924 ein ehemaliger Rotter-Schauspieler unter dem Titel «Von der Verlotterung und Verrotterung» in offe- nem Antisemitismus «die fast allgemeine Verju- dung der Berliner Theater» als am «bedrohlich- sten»: «dass die Rotters ein bescheidenes Talent-chen 
und eine eiserne Ausdauer haben. Das waren von jeher die gefährlichsten Menschen!»126 Eben- falls in der «Deutschen Zeitung» hiess es am 10. August 1924, «in den Direktionen deutscher Thea- ter» hätten «uns völlig Stammes- und darum auch Wesensfremde ihren Einzug gehalten» - «Und wir sagen jetzt schon voraus: ... es muss notwendig da- hin kommen, dass auch der deutsche Schauspieler- stand in seiner Gesamtheit die Aufhebung des kö- niglichen Judenemanzipationsedikts vom 11. März 1812 fordert. Schädlinge am Volkswohl als solche erkennen und dann noch dulden, ist Flochverrat an der freien Majestät des Volkes!» Und: «... dass un- ter den Schauspielern aller Völker der deutsche Bühnenkünstler als Spender wertvollste[n] Kultur- gutes an erster Stelle und unerreicht dastehe.»127 Nach langen Monaten bekamen sie die Spielbe- rechtigung im «Lessing Theater» dann doch noch,128 und sie begannen mit aber mit einer Insze- nierung von Schnitzlers «Das weite Land». Die «Berliner Börsen-Zeitung» hielt am 1. Dezember 1924 ungerührt fest, dass «die Kritik zu 99 Prozent gegen sie ist».129 Daraufhin verpachteten sie ihre Theater nur noch und meldeten sich erst 1927 wieder zurück, wie es schien in ein inzwischen ganz und gar ge- wandeltes Berlin der Moderne. NEUER ANLAUF UND 1927 ENDLICH GROSSE ERFOLGE «Die neuen Streiche der Brüder Rotter / Aus der Versenkung aufgetaucht», titelte «Das kleine Jour- nal» am 18. Dezember 1927: «Von all den zahlrei- chen Berliner Theaterdirektoren hatte niemand eine so schlechte Presse wie die Rotters, sie moch- ten tun, was sie wollten, sie mochten aufführen, was sie wollten, sie mochten engagieren, wen sie wollten; sie hatten immer eine schlechte Presse. Man sah in ihnen die , die mit Kunst handelten wie mit irgendeinem anderen Ar- tikel, obwohl man von den anderen Berliner Thea- terdirektoren ebenfalls nicht gerade behaupten kann, sie seien lauter Idealisten und hätten einen 94
        

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