Tauglichkeit» geben. Auf Grund dieser Bescheini- gung Hessen sie sich darauf am 17. August 191457 in Dresden beim «Train-Ersatzbataillon 19»5S (Re- servetruppe für Bereitstellung von Nachschub mit Zugpferden) einen «Annahmeschein» als Kriegs- freiwillige ausstellen, obwohl sie noch gar nicht ge- mustert waren. So konnten sie die ihnen zugegan- genen Gestellungsbefehle für den 1. September 1914 «hintergehen»59 - ihre «Meldepflicht« hatten sie gleichzeitig erfüllt und verletzt. In Dresden gal- ten sie als «überzählig» bzw. «zurückgestellt»;60 ein Wachtmeister Reinert im «Geschäftszimmer» des Train-Battaillons war ihr Ansprechpartner. Ihm er- klärten sie, kurz vor Abschluss des Studiums der Jurisprudenz zu stehen. Sie hatten es wegen ihrer Theaterleidenschaft lange vernachlässigt61 und of- fenbar erst nach dem Ausscheiden aus dem Deut- schen Schauspielhaus wieder aufgenommen.62 In Naumburg legten sie dann tatsächlich am 4. Sep- tember 1914 - oder ein Jahr später, das ist unsi- cher - ein für Einberufene reserviertes Notexamen als Referendare ab.63 Danach erklärten sie in Dres- den, «dass wir erst unsere Dr.-Arbeit machen woll- ten», und der Wachtmeister des Bataillons sagte ih- nen mündlich zu, dass sie «nicht einzutreffen brauchten».64 In der Folge warteten sie, «ob wir eine Vorladung bekommen würden. Gemeldet ha- ben wir uns nicht mehr.»65 Auch «Anschläge» hät- ten sie «nicht gelesen, auch nicht gesehen».66 Das Aufrechterhalten dieser Fassade als Schein-Frei- willige war nur durch häufigen Wohnortswechsel67 aufrechtzuerhalten. Als eine grosse Hilfe erwies sich dabei, dass sie als «stille J'eilhaber» in den von Julius Blumenthal in Leipzig im November 1914 gegründeten «Les- singverlag»68 eingetreten waren. Ihre Aufgabe war, die Stücke und Musiknoten, die verlegt wurden, in Konzerten und Theatergastspielen auch zur Auf- führung zu bringen. Zwangsläufig wechselten sie so in rascher Folge die Städte. Dabei vermieden sie, «mit ihrem Namen hervorzutreten»69 und ihre jeweilige Wohnadresse hielten sie geheim. Sie ga- ben sich den Bühnennamen Langenfeld oder auch Fränkel.70 Künstlernamen waren damals in der ständischen Gesellschaft aus Berufs- und Familien-rücksichten 
nichts Aussergewöhnliches.71 Bei die- sen Aufführungen kam es offenbar vor, dass Fritz und Alfred Schaie erst im allerletzten Moment Schauspieler- und Schauspielerinnen verpflichte- ten, worauf die Proben völlig ungenügend waren oder Stegreifkomödien72 gegeben wurden, sodass das Publikum mitunter die Säle zum Teil unter Pro- test verliess.73 Fritz und Alfred Schaie bekannten auch gegenüber Blumenthal - der das später gegen sie bei den Behörden vorbrachte, «dass sie lieber ins Gefängnis als zum Militär gingen».74 Aus dem Blickwinkel des Kaiserreichs gesehen war das normwidriges Verhalten - aus ihrer eige- nen Perspektive jedoch Überlebensstrategie. Im Deutschen Bühnen-Jahrbuch des Jahres 1916 wa- ren auf der vierseitigen «Ehrentafel» der «Bühnen- Angehörigen», die «auf dem Feld der Ehre» fielen, 96 Namen verzeichnet; weitere vier Seiten umfass- ten, viel enger beschrieben, die Verwundeten. Viele jüdische Deutsche leisteten bekanntermassen Kriegs- dienst - so auch Albert Ulimann, der zukünftige Ehemann von Alfred und Fritz Rotters Schwester Ella,75 der 1916 als Arzt an der Westfront sehr schwer verwundet wurde und dafür das «Eiserne Kreuz» erhielt. Im Oktober/November 1915 wurden Fritz und Alfred Rotter verhaftet76 und verbrachten darauf et- liche Wochen in «Verwahrungshaft» bei ihrem Ba- taillon in Uniform, konnten aber abends - Anekdo- ten zufolge - doch noch im gemieteten Zirkus Sarra- sani «Sophokles» aufführen.77 Letztlich halfen ih- nen aber nur noch Verlegung ins Lazarett, ärztliche Zeugnisse und Sanatoriumsaufenthalte vor dem Marschbefehl.78 Im kaiserlichen Deutschland gab es kein Recht auf Dienstverweigerung. Da sie aber nicht gemustert worden waren, galten sie nur als «unsichere Heerespflichtige»79 und entgingen so ei- ner Anklage wegen «Fahnenflucht». Die Aufführun- gen von Stücken gingen auch nach der Haftentlas- sung, 1916, weiter, unterbrochen von Sanatoriums- aufenthalten. Wären ihre Kriegsjahre literarisch zu schildern, dann nur als Antikriegs-Tragikömodie.80 Doch beides, die «Drückebergerei» und die kata- strophalen Aufführungen - in einer wurden die Rollen ab Blatt gelesen81 - sollte ihren Ruf bei der 88
        

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