ZUM THEATERKONZERN DER ROTTER SOWIE ZUM SCHICKSAL FRITZ ROTTERS / PETER KAMBER in einem Bericht vom 8. April 1933 über den ver- suchten Menschenraub und die Flucht der deut- schen Mittäter fest: «Es darf indessen bestimmt angenommen werden, dass es sich hier um eine politische Angelegenheit handelt, die mit der der- zeitigen Judenverfolgung in Deutschland im Zu- sammenhang stehen dürfte.»10 Wie die damaligen gerichtlichen Abklärungen ergaben, war der gewaltsame Entführungsversuch dennoch keine spontane, sondern eine bedachte, geplante Tat gewesen. Zu den Entführungs-Vorbe- reitungen der Liechtensteiner Täter hatten, wie das Fürstlich-liechtensteinische Landgericht heraus- fand, sogar Gespräche mit österreichischen Grenz- stellen gehört, «ob man die Gebrüder Rotter nicht direkt gefesselt durch Österreich nach Deutschland durchführen könne.»11 Unter dem Vorwand zum Hotel auf Gaflei hoch gelockt, ihnen einen Ort zu zeigen, wo sie den Som- mer verbringen könnten, hatten die liechtensteini- schen und deutschen Täter sie mit Schlägen und Schüssen aus Gaspistolen zu überwältigen ver- sucht. Eine Injektionsspritze und Morphiumampul- len lagen ebenfalls bereit.12 Mit zur aufgeputschten Atmosphäre gehörten Gerüchte über Fritz und Alfred Rotter, die irrig wa- ren: So zum Beispiel hatte der deutschnationale Berliner Journalist Adolf Stein, der unter dem Pseudonym «Rumpelstilzchen» in Berlin Glossen schrieb und das neue Kabinett Hitler leidenschaft- lich begrüsste, im Februar 1933 geschrieben: «Die Brüder Rotter ... haben rund 4 Millionen Schulden in Berlin hinterlassen, wovon ein sehr großer Teil sich jetzt wohl bar im Ausland befindet und nicht mehr gefasst werden kann.»1s Doch das Geld war in die Theaterprojekte geflossen. Bankenkredite hatten Fritz und Alfred Rotter seit den Bankzusam- menbrüchen 1931 keine mehr erhalten. Vom Früh- ling 1931 an bis Ende 1932 konnten die neuen Auf- führungen überhaupt nur noch mit den Vorschüs- sen einer Theaterbesuchorganisation bestritten werden, der so genannten «Gesellschaft der Funk- freunde». Der Leiter der «Funkfreunde», Heinz Hentschke, hatte so immer mehr Macht über die Rotter gewon-6) 
Liechtensteinisches Landesarchiv, S 66/43, Urteil vom 8. Juni 1933 im Prozess gegen die für den Entführungsversuch Verantwortlichen Liechtensteiner Schädler. Rheinberger, Frömmelt und Röckle, S. 3. 7) Landesarchiv Berlin. A Rep. 358-02, Nr. 108614, Blatt 100 (20. März 1933). 8) NZZ, Samstag. 1. April 1933, Morgenausgabe, Nr. 584 («Berlin. 31. März (Tel. unseres 0=Korr.)».) 9) Ebenda. 10) Bericht von «Grenzwacht-Kommandant» Lutscher an die Zoll- kreisdirektion, Chur, 8. April 1933 (Schweizerisches Bundesarchiv. E 2001 (E) 1969/262, Bd. 37). 11) Fürstlich liechtensteinisches Landgericht an die Zolldirektion in Chur. 3. Mai 1933 (Schweizerisches Bundesarchiv, E 2001 (E) 1969/262, Bd. 37): «In der Strafsache gegen Rudolf Schädler und Gen. habe ich ein Ersuchschreiben an die Gendarmerie in Feldkirch gerichtet. Die Beschuldigten Schädler und Frommelt hatten sich an den Vorstand des Tisner Zollamtes Scheier gewandt und mit ihm da- rüber verhandelt, ob man die Gebrüder Rottor nicht direkt gefesselt durch Österreich nach Deutschland durchführen könne. Dieselben waren auch in Feldkirch mit anderen Leuten zusammen gekommen und es sollten Leute in Vorarlberg bestellt werden, welche das Auto mit den Gebrüder Rotter durch Vorarlberg begleiten sollten. Nun weigert sich die Gendarmerie in Feldkirch die entsprechenden Erhe- bungen zu pflegen ...». 12) Von Rudolf Schädler bereitgestellt; Liechtensteinisches Landesar- chiv. S 66/43, Vernehmung von Rudolf Schädler, 28. April 1933: «Ich gebe zu, dass ich die Spritze mitgebracht habe. ... Ich habe schon zweimal Nierensteinkolik gehabt. Dabei hat man die stärksten Schmerzen und dabei hat mir Dr. Otto Schädler, der mich behandel- te, dieses Morphium gegeben, dass ich es bei den Anfällen benützen könne». 13) Ich danke Hansjörg Quaderer. Schaan, der mir diesen Beleg bei Forschor Karlheinz Everts besorgt hat (© Karlheinz Everts; «Rum- pelstilzchen», «Mang uns mang...». Jahrgangsband 1932/33. Brun- nen-Verlag/Willi Bischoff, Berlin 1933): Glossen 2. bis 16. Februar 1933: «Nun stehen wir an der Wende, auf die wir seit Jahr und Tag geharrt haben. Die gemeinsame nationale Front ist wieder da. das Kabinett Hitler, endlich, mit Papen, Hugenberg. Seldte in seinen Rei- hen, ernannt. Die große Durchbruchschlacht für Freiheit und Exis- tenz des deutschen Volkes bis zu den ärmsten Kameraden und Brü- dern unter den Arbeitern beginnt. ... Am Abend des historischen 30. Januar habe ich während des Fackelzuges festgekeilt in der Wil- helmstraße gestanden. Hitler vorn an einem Fenster des Kanzlerpa- lais, Hindenburg am Balkon dos Kongresssaales. Hindenburg: die Statue. Aber als die alten Soldatenmärsche erklangen, wurde er le- bendig. Er schlug glückselig mit beiden Unterarmen den Takt dazu. Ach, wir alle waren ja so glücklich! Ich habe auch Hitler mit den an- deren Begeisterten zugewinkt. Nur als das Deutschlandlied ungefähr zum dreißigsten Male gesungen wurde, schlug mir jemand den Hut vom Kopf. Ich hatte ihn endlich aufgehalten, um mir keine Grippe zu holen. ... Aber das muss ich doch sagen: inniger ist kaum je gesun- gen worden als an diesem 30. Januar.» 77
        

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