FRAUENERWERBSARBEIT IM LIECHTENSTEIN DER NACHKRIEGSZEIT / JULIA FRICK Probleme gestellt sehen soll.»106 Da «auch dem Liechtensteiner in unserer Volkswirtschaft die Be- setzung der guten Positionen möglich sein sollte, dürfen u. E. keine Mittel gescheut werden, dem Liechtensteiner in Zukunft durch vermehrte Ausbil- dungsmöglichkeit den ihm zustehenden Platz zu si- chern.»107 Der gesamte Bericht ist in ausschliesslich männlicher Form gefasst, es geht um «die fähigen und begabten Schüler» und «denjungen Studenten» und um deren meist technische Ausbildung. Frauen werden im Text vom Recht auf ein Stipendium zwar nicht ausgeschlossen, aber auch nicht erwähnt. Es wurde in der Nachkriegszeit gefördert, infor- miert und motiviert, der Fokus richtete sich aber fast ausschliesslich nur auf die männliche Jugend. «Eine der wichtigsten Fragen für die wirtschaftliche Zukunft unseres Landes ist zweifellos die berufliche Ausbildung unserer Jugend, besonders der männli- chen. ... Sowohl die Zahl der Lehrverhältnisse als auch die Zahl der in unserem Lande erlernbaren Be- rufe hat in den letzten Jahren eine erfreuliche Ent- wicklung genommen.»108 Weiter erläutert der Autor dieses Zeitungsartikels, dass die Anzahl Lehrlinge in Liechtenstein in etwa gleich hoch sei wie die in der Schweiz. Nur die Zahl der Lehrtöchter sei in der Schweiz viel höher. Dies sei durch die Verhältnisse in den grossen Städten zu begründen. In Liechten- stein müssten im Vergleich zur Schweiz etwa 70 Lehrtöchter vorhanden sein, in der Tat gäbe es aber nur 18 Lehrtöchter, aber: «In Liechtenstein, das in Haushaltungen und Fabriken ständig eine grosse Arbeitsreserve für weibliche Arbeitskräfte hat, ist die Zahl der männlichen Lehrverhältnisse von weit- aus grösserer Bedeutung.»109 Eine qualifizierte Berufsausbildung war in Liech- tenstein eine «Männersache». Die Männer würden die Zukunft entscheidend prägen, daher der Aufruf zur Förderung der Berufsausbildung im Baugewerbe und zur Gründung einer Lehrwerkstätte für metallbe- arbeitende Berufe.110 Die weibliche Jugend wurde gänzlich von diesen Förderungen ausgeschlossen. Berufsausbildung, Qualifikation und wirtschaftlicher Aufschwung wurde nur mit der männlichen Jugend in Verbindung gebracht. 
So wurde auch Männerarbeit als «wertvoller» und wichtiger betrachtet als Frauenarbeit: «... Das Wertvolle in der Entwicklung ist nicht nur in der ab- soluten Steigerung der Beschäftigten zu suchen, sondern im immer grösser werdenden Anteil der Männer. Wir haben gesehen, dass im Jahr 1912 nur etwas mehr als ein Drittel (37 Prozent) Männer in den Fabriken beschäftigt waren. 1949 übertrifft erstmals die Zahl der Männer die der Frauen und 9S) Leonhard Vogt zeigt 1970 vier Gründe auf, warum moderne Demo- kratien das Frauenstudium fördern sollten: 1. Alle Menschen brauchen eine soziale Sicherung ihrer Existenz, 2. Die Aufgaben der Frau als Mutter verlagern sich immer mehr vom rein Haushälterischen auf die Pflege der Kultur der Familie und die Erziehung der Kinder, 3. Möglich- keit einer Rückkehr in die Berufswelt wenn die Kinder erwachsen sind. 4. Für viele Bereiche in der Arbeitswelt seien Frauen besser geeignet als Männer, In: Leonhard Vogt. Unsere Zukunftsaufgaben im Bildungs- wcsen. S, 147-148. 991 Vgl. Martin, Bildungswesen. S. 358. 100) Leonhard Vogt. Unsere Zukunftsaufgaben im Bildungswesen. 101) Vgl. Marxer/Hilti, Inventur. S. 39. 102) Leonhard Vogt, Unsere Zukunftsaufgabon im Bildungswesen, 5, 137. 103) Vor allem eine Person war in der Förderung der Berufsausbil- dungen ab Ende der 1940er Jahre bis Ende der 1960er Jahre sehr prägend: Otto Seger (1907-1988) war Lehrer, Berufsberater. Gewer- besekretär, Leiter des Abendtechnikums Vaduz, Historiker und Ver- fasser von zahlreichen Publikationen. Er gründete die Berufsbera- tungsstelle und war 1948 bis 1966 nebenamtlich als Berufsberater tätig. Alle Artikel und Informationen über Berufswahl, Berufsförde- rung usw. stammten aus seiner Feder. Vgl. auch Felix Marxer, Nach- ruf, in: Jahrbuch des Historischen Vereins des Fürstentum Liechten- steins, Band 88. Vaduz. 1990. S. 219-225. 104) Otto Scgcr, Unser Berufsnachwuchs und die heimische Indus- trie, in: LVolksblatt, 8. Mai 1958. 105) Ebenda. 106) Bericht und Antrag der fürstlichen Regierung an den Hohen Landtag zum Entwurf eines Stipendiengesetz.es vom 17. Dezember 1960, Landtagsprotokolle 1960, Bd, 2. S. 2. 107) Bericht und Antrag der fürstlichen Regierung an den Hohen Landtag zum Entwurf eines Stipendiengesetz.es vom 17. Dezember 1960, Landtagsprotokolle 1960, Bd. 2. 108) Otto Seger, Zukunftsfragen unseres beruflichen Nachwuchses, in: LVolksblatt, 3. Juni 1954. 109) Ebenda. 110) Vgl, Otto Seger, Zukunftsfragen unseres beruflichen Nachwuch- ses. Teil IL, in: LVolkblatt, 5. Juni 1954. 45
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.