FRAUENERWERBSARBEIT IM LIECHTENSTEIN DER NACHKRIEGSZEIT / JULIA FRICK Sekretärin und schliesslich zur Verwaltungsbeam- tin auf. Als sie 1964 die Stelle verliess, wurden gleich zwei neue Frauen für sie eingestellt. Sie habe zu ihrer Zeit einiges aufgebaut, was auch ihr Ehr- geiz gewesen sei. 1962 heiratete sie. Bis 1964 arbeitete sie weiter in ihrem Beruf. Dann kam der Kinderwunsch. Sie gab ihre Stellung auf, machte aber für einen ihr be- kannten Arzt die Krankenscheinabrechnungen, was immer wieder einige Stunden Arbeit und eine kleine Entlohnung gab. Erst viel später realisierte sie, dass er ihr von Anfang an die AHV-Beiträge einzahlte, was sie nicht erwartet habe und sie natürlich sehr freute. Auch für ihren Mann und ihren Schwieger- vater erledigte sie die Buchhaltung für deren Ge- schäft. Eines Tages teilte sie ihrem Mann mit, dass sie für diese Arbeit eine Bezahlung erwarte. Ihr Mann gab ihr Recht, während ihr Schwiegervater es als eine selbstverständliche Sache ansah, dass sie gratis für sie arbeitete. Auch für den damaligen Vor- steher erledigte sie gewisse Arbeiten, die er nur ihr anvertrauen wollte. Neben der Erziehung ihrer drei Kinder und der Besorgung des Haushalts wurde von ihr auch erwartet, dass sie sich um die pflegebedürf- tige Schwiegermutter kümmerte, was sie aus ge- sundheitlichen und anderen Gründen nicht über- nehmen konnte. Dass sie den Mut fand und sich da- gegen wehrte, wurde ihr von verschiedener Seite sehr übel genommen. FRAUEN IN DEN MEDIEN UND DER WERBUNG Die meisten gesellschafts- und familienpolitischen sowie auch aussenpolitischen Pressemitteilungen wurden aus schweizerischen Zeitungen übernom- men; so stammten auch die Artikel über Erzie- hungsfragen, Einmachvorschläge usw. auf der «Sei- te der Frau» nicht von liechtensteinischen Autoren. Aufschlussreich für das spezifisch liechtensteini- sche Frauenbild sind hingegen die Zeitungsinsera- te. Neben Werbung, Kinoinformation, Bekanntma- chungen der Regierung, Kaufs- und Verkaufsange- boten von Saisongemüse und Früchten, erschienen 
Stelleninserate für Mädchen oder Töchter. Gefragt waren saubere, tüchtige, fleissige, fromme, willige, liebe, zuverlässige, freundliche, ehrliche, aufrichti- ge, seriöse und junge Mädchen oder Töchter für den Haushalt, Haus und Hof oder Haus und Laden (La- dentochter).55 Bereits die Attribute, die den gesuch- ten Hausangestellten zugeordnet wurden, bestäti- gen die herrschende Beurteilung und Klassifizie- rung von erwerbstätigen Frauen. Neben Hausmäd- chen, Ladentöchtern, Küchenmädchen, Saaltöch- tern, Zimmermädchen und Dienstmädchen waren hauptsächlich Näherinnen, Zuschneiderinnen, und weibliche Arbeitskräfte für die Fabrik, Fabrikmäd- chen gefragt. Nur vereinzelt wurden weibliche Ar- beitskräfte im kaufmännischen Bereich gesucht, so zum Beispiel eine «flotte Stenotypistin» oder eine «Bürolistin in Handelsfirma» in Vaduz.56 Weibliche Arbeitskräfte wurden in den meisten Fällen als Mädchen oder Töchter bezeichnet, waren also ledig; ihre Fähigkeiten wurden als «angeborene weibliche Charaktereigenschaften» angesehen, das heisst, es wurden keine erlernten Qualifikationen erwartet, sondern emotionale Fähigkeiten, wie oben aufge- zeigt. Es zeigt aber auch, dass sich die gesellschaftli- che Erwartung weitgehend mit der, der katholi- schen Kirche zugeschriebenen Rolle deckte. Interessant sind auch die bildlichen Darstellun- gen in der Werbung, die ab den 1950ern immer häufiger erschienen. Abgebildet waren hauptsäch- lich Hausfrauen in typischen Haushaltsfunktionen, d.h. mit Kindern, Wäsche waschend oder kochend. Mitte der 1950er Jahre erschienen neben konven- 52) Frau D. wusste nicht mehr, ob auch Männer darunter gewesen seien. Man sei ja einzeln zum Vorstellungstermin und zur Prüfung ge- gangen. 53) Dieser Mann, den man auch den «Schaancr Heiland» nannte, weil er eine spirituell-religiöse Ader besass, war beim Staat ange- stellt, da er in der Privatwirtschaft keine Arbeit fand. 54) Über dieses Thema wird vertieft im folgenden Teil «Die weibli- chen Arbeitskräfte von Vater Staat», Unterkapitel «Von Gesetzeslü- cken und anderen Mängeln» eingegangen. 55) Diese Angaben stammen aus dem Liechtensteiner Volksblatt aus den Jahrgängen 1945 bis 1955. 56) Anzeigen in: LVolksblatt, 13. Oktober 1945. 31
        

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