LIECHTENSTEIN IN ALTEN SCHILDERUNGEN NORBERT W. HASLER Ein deutscher Zwerg-Staat im Herzen Europas DR. K. KAUFFMANN Von Konstanz am Bodensee in 3 Stunden zu errei- chen, eingekeilt zwischen der Schweiz und Öster- reich, hingestreckt am rechten Ufer des jungen Rheins: dort liegt das seltsame Ländchen, das in der ganzen Welt einzig dasteht: das souveräne Fürsten- tum Liechtenstein, neben Luxemburg die letzte Mo- narchie im deutschen Sprachgebiet! Ein Zwergstaat im wahrsten Sinne: die D-Züge der internationalen Linie Paris - Bukarest durchra- sen das 16 km breite Fürstentum in 13 Minuten; sei- ner grössten Länge nach kann man es in 6 Stunden bequem durchwandern; und sein gesamter Flä- cheninhalt ist 157 qkm, also etwa halb so gross wie das Gebiet der Hansestadt Lübeck! Auf diesem Ge- biet wohnen nun 11 000 deutschsprechende Men- schen, genauer gesagt: 10 439 Katholiken und 129 Protestanten und bilden einen souveränen Staat! Nahezu unberührt ist dieser Staat geblieben von den Umwälzungen in den letzten 2 Jahrhunderten europäischer Geschichte. Das um 1700 von dem da- maligen Fürsten von Liechtenstein gekaufte Gebiet erhob Kaiser Karl VI. zum Fürstentum. Napoleon I. zwang es zum Anschluss an den Rheinbund; hier- durch wurde es zum souveränen Staat. Dieser Staat wurde Mitglied des Deutschen Bundes, nach dessen Auflösung lehnte er sich an Österreich an, ohne je- mals die Souveränität aufzugeben. Seit 1919 hat das Fürstentum sich wirtschaftlich der Schweiz genä- hert, und heute ist seine Post in Schweizer Verwal- tung, seine Währung der Franken, aber der Landes- herr, seit 1858, nach wie vor der jetzt 85jährige Fürst Johann II. von Liechtenstein. Das Liechtensteinische Fürstenhaus, zu den äl- testen Adelsgeschlechtern Europas gehörig, ist zu- gleich eins der reichsten. Riesige Güter in Mähren, Schlesien, Ungarn und Nieder-Österreich gehören ihm. Die Liechtenstein'sche Gemäldegalerie in Wien, international bekannt, gilt als die wertvollste Privat- sammlung der Welt. Der regierende Fürst, Johann IL, kommt nur jährlich 1-2 mal nach Liechtenstein. Er wohnt meis- tens in Wien, wo seine Hauptneigung der Kunst gilt. Bekannt sind seine wahrhaft fürstlichen Spenden für Künstler und wohltätige Stiftungen aller Art. 
Da Fürst Johann keine Nachkommen besitzt, ist Thronanwärter sein 19jähriger Grossneffe, Prinz Franz Josef. Sein Autogramm lautet zwar, da Adels- titel in Österreich verboten, einfach Franz Josef Liechtenstein. Aber das liechtensteinische Fürsten- haus geniesst eine so grosse Verehrung in seinem Lande, dass der junge Prinz sicherlich einmal regie- render Fürst sein wird. Die liechtensteinische Re- gierung ist in Vaduz, dem Hauptort Liechtensteins, mit 1400 Einwohnern. Überragt wird dies Städt- chen vom Schlosse Vaduz, dem Wohnort des Fürs- ten bei seinen Besuchen in Liechtenstein, und dem Hauptanziehungspunkt für die Touristen. In Vaduz selbst liegt das Regierungsgebäude. Dieses dient nicht nur der Landesregierung als Sitz, sondern auch dem Gericht, der Bank, der Gewerbe-, Han- dels- und Industriekammer (die gleichzeitig Arbeits- nachweis und Verkehrsbüro darstellt), der Sparkas- se, es enthält Arrestzellen und ein «Lokal zum Auf- bewahren der Briefmarken». Man sieht, die Liech- tensteiner sind praktische Leute! Die Verfassung Deutsche Welt. Zeitschrift des Vereins für das Deutschtum im Ausland. Heft 2, Februar 1926, S. 64-68. • 1 309
        

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