Der Einbruch des Rheins bei Vaduz im Liechtensteinischen am 28. Juni 1846 BÜNDNER KALENDER DES JAHRES 1847 Der 28. Juni war ein Tag des Schreckens für das kleine Ländchen zwischen der Luziensteig und der III, insonderheit für die Gemeinden Vaduz und Schaan. Gegen 4 Uhr des Morgens durchbrach der Rhein oberhalb Vaduz das sonst starke Wuhr und zwar an einer Stelle, wo es die mit der Leitung der Wuhrarbeiten Beauftragten am wenigsten erwartet hatten. Ein Mann von Triesen bemerkte das Un- glück zuerst, machte Lärm und alsbald tönte der Ruf der Wuhrglocke den erschrockenen Landleuten zu Vaduz in die Ohren. Männer und Weiber eilten her- bei: Angst und Schrecken lag auf ihren Gesichtern, als sie sahen, dass der Hauptstrom sich über ihre Felder dahin walze, und kaum trugen die Kniee die Unglücklichen weiter. Zwischen der Landstrasse und dem Rhein breitet sich die Au der Vaduzer und Schaaner aus, die seit vielen Jahren her mit grosser Arbeit und Kosten ur- bar gemacht worden. Es ist eine sehr bedeutende Landstrecke und gerade dieses Jahr standen alle Früchte so schön und versprachen einen reichli- Bündner Kalender des Jahres 1847, gedruckt bei Friedrich Wassali in Chur 
chen Ertrag, der um so lebhafter ersehnt wurde, als die zwei vorhergehenden Jahre weniger ergiebig ausgefallen waren und die Noth bereits dringend an die Thüre manches armen Hausvaters klopfte. Der Hauptstrom des Rheins, der in seinem breiten Bette die Richtung immer ändert und mächtig ange- schwollen war, nahm seinen Lauf gerade gegen das Dorf Vaduz, wo die unterhalb der Landstrasse gele- genen Häuser geräumt werden mussten. Von Vaduz wandte er sich in das fruchtbare und wohl angebau- te Gebiet der Schaaner, der Richtung des Kanales folgend, welcher zur Abführung der Binnengewäs- ser angelegt worden und bei Bendern in den Rhein mündet. Hier fand die gewaltige Wassermasse nicht hinreichend Abfluss, stauchte das Binnenwasser auf und verbreitete sich über das ganze Land zwischen Schaan, Bendern, Eschen und Nendeln, wodurch auch die letztern Gemeinden nebst Bendern und Gamperin, das auf dieser Seite beträchtliches Ei- genthum besitzt, empfindlich geschädigt wurden. Wohl zwei Stunden in die Länge und an manchen Stellen über eine halbe Stunde in die Breite war alles mit Wasser bedeckt und glich das rechte Rheinufer einem See. Zwei Dammdurchstiche bei Bendern ga- ben aber dem Wasser bald grössern Abfluss und schützten vor weiterer Überschwemmung. - Einige der Männer von Schaan, die bei der ersten Kunde von dem Rheineinbruch zu Vaduz auf den Damm hi- nausgeeilt waren, um ihn zu durchstechen, und so das eingedrungene Wasser von ihrem Eigenthum ab und in den Rhein zu leiten, wurden bei ihrer Arbeit von dem Strom überrascht. Sie retteten sich auf den nächstgelegenen Baum. Da dieser aber nicht alle aufnehmen konnte, musste der Grösste unter ihnen unten am Stamme bleiben. Schon reichte ihm das Wasser bis an die Brust und unfehlbar wären die Männer verloren gewesen, wenn nicht ein Miliz- mann vom Bundeskontingent, Namens Wanger, den Hülferuf der Unglücklichen vernommen hätte. Schnell setzte dieser einen Floss zusammen und es gelang ihm, die Männer sämmtlich zu retten. - Trau- rig war der Anblick der Tags zuvor blühenden Ge- gend: da ragten Bäume, dort Türkenstengel und gel- be Kornähren, die in Bälde die Hand des Schnitters erwarteten, als einzig übriggebliebene Zeugen von 300
        

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