FRAUENERWERBSARBEIT IM LIECHTENSTEIN DER NACHKRIEGSZEIT / JULIA FRICK rung fehle, zudem seien auch die Chancen auf einen Ehemann und Gründung einer Familie geringer.31 «Frau Sein» wurde eng mit der Berufung des Die- nens in Zusammenhang gebracht und durch Pler- vorhebung des grossen Vorbildes der Muttergottes untermauert. Davon zeugen folgende Zitate aus dem «In Christo»: «... Maria sang und diente. ... Jede richtige Frau weiss [deshalb] um diesen Mari- endienst in all seinen Formen. ... in dienender Hin- gabe liegt der Frau Glück. Ist Erfüllung ihres We- sens. Sei es in der Ehe oder ausserhalb der Ehe. Glücklich ist die wahre Frau erst in der Hingabe an ein geliebtes Wesen, dem sie mit aller Liebe dienen kann.»32 Auch das Untertansein wird in Zusammen- hang mit der dienenden, wahren Frau gebracht: «... Die Frau muss sich der Sorge ihres Gatten auch überlassen und die Grundbedingung dazu ist ihr Untertansein ,..».33 So war der Redaktor und Autor der meisten Arti- kel des Kirchenblattes, Pfarrer Johannes Tschuor, auch noch in den 1950er Jahren davon überzeugt, dass Frauen erst die Fleiratserlaubnis erhalten soll- ten, wenn sie gründliches hauswirtschaftliches Wis- sen und Können nachweisen konnten.34 LEBENSENTWURF 1 Frau A. wurde 1915 in Schaan geboren und lebt heute noch gemeinsam mit ihrem Ehemann in ih- rem Elternhaus, welches eines der ältesten im Quar- tier ist. Die Eltern hatten einen kleinen Bauernhof, die Felder waren weit entfernt. Die Tiere, Schweine, Ziegen und Kühe hingegen wurden im «Tend», wel- ches ans Haus angebaut war, gehalten.35 Frau A. wuchs zusammen mit einer zwei Jahre jüngeren Schwester auf. Sie besuchte die obligatorischen acht Jahre Schu- le, d. h. die Volksschule und die Fortbildungsschule. Dann wollte sie unbedingt weg von zu Hause. «Afach fort!» «Ned i dr Buurnerei schaffa». Eine Cousine arbeitete damals in der Lingerie ei- nes Knabeninstitutes in der Nähe von Genf. So kam sie dort mit 16 oder 17 Jahren zu einer Stelle, als eine Art Au Pair- bzw. Hausmädchen. Für sie war 
diese Stelle die einzige Möglichkeit, von zu Hause weg zu kommen. Für die Arbeit, die sie im Institut leistete, erhielt sie neben Kost und Logie einen klei- nen Lohn, der sofort nach Hause zu ihrer Mutter ge- schickt wurde. Für sie bedeutete das Leben und die Arbeit in Genf mehr Freiheit als zu Hause bei den El- tern, ausserdem hatte sie so die Chance, Franzö- sisch zu lernen. Frau A. erinnert sich sehr gerne an diese Zeit, es sei die schönste ihres Lebens gewesen. Sie habe es «wahnsinnig genossen». Arbeiten hätte sie schon müssen und es sei auch sehr darauf ge- achtet worden, dass die jungen Frauen, die dort ar- beiteten, nicht zu engen Kontakt mit den Knaben des Institutes hatten. Im Falle einer Liebesbezie- hung hätte sie als Dienstmädchen sofort die Koffer packen müssen, was von Seiten der Leitung immer wieder betont wurde. Die jungen Männer, die dieses Institut besuchten, stammten alle aus besserem Hause. Sie hätte sogar die Möglichkeit gehabt, mit einem Adeligen nach Persien zu gehen und dort zu arbeiten. Dieses Angebot habe sie leider nicht an- nehmen dürfen, weil man zu Hause dagegen gewe- sen sei. Die Eltern seien schon nicht besonders glücklich gewesen, dass sie nach Genf gegangen war. Damit sie bald zurückkehre und nicht schwan- ger würde, Hessen sie regelmässig «die Messe für sie lesen». Die kirchlichen Rituale seien in ihrem El- ternhaus sehr wichtig gewesen. Sie hingegen ge- noss es sehr, nicht in die Kirche gehen zu müssen, frei von kirchlicher und elterlicher Aufsicht zu sein. Trotz der strengen Arbeit und dem kleinen Lohn zog es Frau A. vor, so lange wie möglich in Genf zu blei- 31) Gcmcinclearchiv Schaan: Schachtel Jungfrauenverein, Protokoll- buch der Marianischen Jungfrauenkongregation Schaan 1937-1950. Vortrag über das Dienen, August 1939. 32) Maria Heimsuchung, in: «In Christo», 30. Juni 1945. 33) Von der Gottessorgo um die Frau, in: «In Christo». 7. Oktober 1944. 34) Vgl. «Denn wo die Hausfrau nichts versteht vom Haushalten, ist die Gefahr sehr gross, dass die Fhe schwierig, dass der Mann lieder- lich wird und die Kinder kein trautos Heim erhalten, was zu 95 Pro- zent die Ursache für spätere Abwegigkeiten darstellt.» (Johannes Tschuor) in: «In Christo», 10. Oktober 1951. 35) Ein Tend ist eine Art Stall, welcher meist unmittelbar an das Wohnhaus angebaut worden war. 23
        

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