FRAUENERWERBSARBEIT IM LIECHTENSTEIN DER NACHKRIEGSZEIT / JULIA FRICK Mädchen, Töchter, Fabriklerinnen und Bürofräuleins DIE STELLUNG DER FRAU IN DER GESELLSCHAFT Die Analyse der Frauenarbeitswelt bestätigt die Theorie der vertikalen und horizontalen Segregati- on auf dem Arbeitsmarkt und gibt Auskunft über das damals geltende Bild von «Frau und Arbeit» so- wie von «Frau Sein» im Allgemeinen. Warum hauptsächlich ledige Frauen einer Erwerbsarbeit nachgingen, warum sie nur in einzelnen Berufs- branchen und dort auch meist in deutlich niedrige- ren hierarchischen Positionen arbeiteten, kann zum Teil durch ihre gesellschaftliche Stellung und die ih- nen zugeschriebene Rolle durch die katholische Kir- che erklärt werden. Diese war eindeutig und aus- schliesslich auf die Mutterschaft ausgerichtet und zu etwas Heiligem stilisiert: «... Die Kirche gibt damit der Frau ihren Platz, keine Führerrolle, aber etwas, das wichtiger ist: sie hat den tiefsten Beruf der Frau, das Muttersein in die Sphäre des Heiligen erhoben, durch die Erhebung der Ehe zum Sakrament. Nur das Muttersein füllt Sinn und Dasein des Weibes aus.»27 Kaum verwunderlich ist daher, dass Frauen in erster Linie über ihre Hausfrauentätigkeit definiert wurden und junge Frauen zu einem grossen Teil nach ihrem Schulabschluss als Hausangestellte, also als «Mädchen» arbeiten gingen. Diese Berufs- laufbahn wurde von der Öffentlichkeit erwartet und gefördert. So berichtete auch das Kirchenblatt «In Christo», welches in der breiten Öffentlichkeit auf Zustimmung stiess und grossen Einfluss auf die liechtensteinische Gesellschaft der Nachkriegszeit hatte, regelmässig über die Tugenden und Pflichten der Frau.28 Die Artikel widerspiegeln das damalige liechtensteinische Weltbild; es wurde nicht nur das Zeitgeschehen in konservativer Manier kommen- tiert, sondern, was vor allem für diese Arbeit wert- voll ist, der langsame Wandel gegenüber dem tra- dierten Frauenbild, dieses sehr zaghafte Zugeständ- nis an ihre Rechte, unbewusst aufgezeigt.29 
DIE DIENSTMÄDCHEN-PROPAGANDA 1939 behauptete der Redaktor des Kirchenblattes «In Christo» beispielsweise, dass junge Männer, die eine Familie zu gründen beabsichtigten, Frauen be- vorzugten, die bereits ihre Tüchtigkeit in einem fremden Haushalt, bzw. im praktischen Hausdienst bewiesen hätten. Frauen, die als «Mädchen» in ei- nem Haushalt dienten, hätten die weit besseren Heiratschancen. Der Autor dieses Artikels, Pfarrer Johannes Tschuor, fungierte gleichzeitig auch als Präses, d.h. als Vorsitzender der Marianischen Jung- frauenkongregation in Schaan. Im selben Jahr hielt der Schaaner Kaplan, Anton Schraner, den jungen Frauen der Marianischen Jungfrauenkongregation, auch Sodalinnen30 genannt, einen Vortrag über «das Dienen». Er führte aus, dass viele junge Mädchen nach dem Schulabschluss nicht wüssten, welchen Beruf sie ergreifen sollten. Da vielen das Geld für eine Schneiderinnen- oder Modistinnenausbildung fehle und die Fabrik für viele gesundheitlich nicht in Frage käme, empfehle er jenen Beruf zu ergreifen, welcher noch immer der natürlichste sei: das Die- nen. Diesem Beruf wohne eine grosse heilige Würde inne, und er adle und bilde den Charakter. So wurde in diesem Vortrag der Dienstbotenberuf nicht nur als der natürlichste und sittlichste, sondern auch der gesündeste angepriesen. Die Fabrikarbeit wurde wegen schlechter Einflüsse auf Atmungsorgane und Lunge, der Büroberuf wegen dem ständigen Sitzen als gesundheitsgefährdend verurteilt. Gerade diese beiden Berufe würden sich im Gegensatz zum Dienstbotenberuf negativ auf die spätere Mutterrol- le auswirken, da die praktische Hausarbeitserfah- 27) Die Frau in der Kirche, in: «In Christo», 31, August 1940. 28) Erschien alle 14 Tage seit 1936. 29) In Liechtenstein kann bei der katholischen Kirche von einer Volkskirche nach Definition von Prof. Urs Altermatt, als Kirche, die mit der sie umgebenden weltlichen Gesellschaft mehr oder weniger deckungsgleich ist, gesprochen werden. Vgl. Urs Altermatt, Katholi- zismus und Moderne, S. 79-80. 30) Sodalin: Mitglied einer katholischen Genossenschaft, Bruder- schaft. 21
        

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