JOHANN ROMARICH BRÜGLER VON HERKULESBERG KARL HEINZ BURMEISTER et gaudere» (wohl leben und sich freuen). Statt des Grusses «guten Tag» möchte Brügler den Gruss verbreiten «Gaudete in Domino Semper» (freut euch immer im Herrn). Um dieses Ziel zu erreichen müsse er den Le- sern die Kunst des sich ständig Freuens mitteilen, die «Ars semper gaudendi». Es geht dabei nicht um jene vulgäre Freude, die sich in Lachen, Kichern oder in Witzen äussert, sondern um die Freude in Gestalt einer bleibenden Seelenruhe. Man findet sie etwa in der Betrachtung von Sonne, Mond und Erde. Oder in der Bewunderung der göttlichen Schöpfung. Dabei darf man sich nicht dadurch stö- ren lassen, dass Gott Fehler zulässt und auch dem Bösen Glück zugesteht. Damit wir uns freuen, müs- sen wir stets das wahre Gute vom wahren Bösen scheiden. Die unterschiedliche Verteilung der Güter und Gaben ist für das Heil des Menschen notwen- dig. Die ewige Freude kann nicht durch allgemei- nes Unheil oder durch tausend Schlachten gestört werden. Anfang und Ende aller Reiche sind von Gott. Einst stand Griechenland in Blüte, heute Deutsch- land oder Spanien in Peru und Mexiko. «Es blüht unser Deutschland durch die Vortrefflichkeit der Bauten, durch die Pflege der Wissenschaften, durch die Vielfalt der Handwerker, durch den Han- del der Kaufleute, durch das Talent und die guten Sitten seiner Einwohner».72 Aber wie lange? Aus der jüngsten Geschichte bringt er eine Über- schwemmungskatastrophe in Friesland, die 1570 an die 20 000 Tote gefordert hat. Zur ewigen Freude gehört, dass jeder mit seinen Verhältnissen zufrieden ist. Tut er das, so stirbt er nicht unwillig, er erwartet in Freude die Zeit, den Ort und die Art seines Todes. Brügler schliesst mit einem in Anlehnung an Psalm 59 verfassten Gebet. Während seine Feinde abends heulen und in der Stadt umherlaufen, will er singen «Gott, du bist mein Schutz. Ich gehöre dir, dir zum Lob lebe ich». Im Genuss der ewigen Freude, die man in Gott gewonnen hat, darf man sich nicht durch allgemei- ne «calamitates» stören lassen. Man ist versucht, darunter die Vorgänge in Vaduz, die zu Brüglers Flucht führten, zu subsumieren. Brügler hatte in 
Vaduz eine bittere persönliche Niederlage erlitten, die ihn umso härter getroffen hat, als er sich bis- her, wie etwa 1665 in Rothenburg ob der Tauber, als «nobilissimus et consultissimus dominus» (als edelster und im Recht erfahrenster Herr) gebährdet hatte. Mit der «Ars semper gaudendi» hat Brügler ganz offensichtlich versucht, zu seinem eigenen Seelenfrieden wieder zurückzufinden. Den Gruss «Gaudete in Domino semper» (freut euch immer im Herrn) ruft Brügler sich selbst zu, um über seine in Vaduz erlittene Schlappe hinwegzukommen. Im- merhin sollte sein Versagen in den Hexenprozessen die Gerichte, Rechtsgutachter und kaiserlichen Un- tersuchungskommissionen noch viele Jahre lang beschäftigen, gar nicht davon zu reden, dass - wie schon gesagt - die «Brüglerschen Prozesse» als be- sonders negatives Ereignis in die liechtensteinische Landesgeschichte eingegangen sind. Sieht man von der persönlichen Tröstung ab, die Brügler in der «Ars semper gaudendi» zu finden glaubte und vielleicht auch gefunden hat, so han- delt es sich um ein leicht fassliches Buch, das sich an den viel beschäftigten Akademiker oder auch an den gebildeten Laien wendet, der in Mussestunden Erholung sucht. Ein wissenschaftlicher Wert kommt dem Buch kaum zu, wiewohl es sich durch die la- teinische Sprache und den systematischen Aufbau einen gelehrten Anstrich gibt. Durch die Widmung an einen Klosterkonvent macht Brügler deutlich, wo er einen Leserkreis für sein Buch erwartete. So- weit man aus den nur zufällig bekannt gewordenen Besitzvermerken schliessen darf, wurde das Buch denn auch von Klöstern angeschafft und von Mön- chen gelesen, wie beispielsweise im Kloster Irsee. 69) Benzing (wie Anm. 33). S. 1 50. 70) Freiburg: Johann Jakob Böckler, 1679. 12 x 7,5 cm, 164 gez. S.. 1 Bl (leer); Exemplarnachweise: Universitätsbibliothek Freiburg i. Br Signatur: N, 8447; SB Augsburg, Signatur: Th Pr 365 (Provenienz: Monasterii Vrsinensis). Vgl. auch Adelung (wie Anm. 1). Sp. 2317. 71) Wunibald Saur (1617-1685), seit 1671 Abt. Vgl. Lindner, P. Pir- min, Fünf Professbücher süddeutscher Benediktiner-Abteien, Bd. 5: Petershausen. Kempten/München 1910, S. 5, Nr. 48. 72) Brügler, Ars semper gaudendi, S. 92. 175
        

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