DIE REICHSHERRSCHAFTEN SCHELLENBERG UND VADUZ IM 30-JÄHRIGEN KRIEG / HERIBERT KÜNG KRIEGSFOLGEN UND NORMALISIERUNG: UNTERTANEN UND LANDESHERR ALS VERLIERER, 1647 BIS 1652 Mit dem Westfälischen Frieden vom Oktober 1648 endete der längste europäische Krieg, dessen «aus- serordentliche Gestalt seit 1625 hervorgetreten war» (Ranke), mit einem Sieg Frankreichs und Schwedens. Graubünden und die Schweiz erlangten die formelle Unabhängigkeit vom Reich, in den ös- terreichischen Territorien begann die Zeit des Zen- tralismus. Erstmals Hessen der Kaiser und der Kö- nig von Spanien einen Teil der Söldnerregimenter, darunter das liechtensteinische in kaiserlichen und das hohenemsiche in spanischen Diensten, «auf dem Fuss stehen» und die Reichsherrschaften er- hielten den Status von selbständigen Staaten inner- halb des Reichsverbandes.93 Obwohl die Reichslan- de Vaduz und Schellenberg nicht zu jenen Gebieten gehörten, die am meisten unter dem Kriegsgesche- hen gelitten hatten, die Jahrzehnte andauernden ausserordentlichen Ereignisse Hessen auch sie kei- neswegs unberührt; die Folgen blieben bis weit über den Friedensschluss hinaus wirksam: Verschlechte- rung der Lebensqualität der Bevölkerung, wirtschaft- licher Niedergang, verbunden mit ökonomischen Zwangsmassnahmen, Auswanderung und der be- ginnende Abstieg der landesherrlichen Familie FIo- henems. Ein in Europa um 1570 einsetzender Kli- maumschwung, die kleine Eiszeit, hatte zu geringe- ren Ernteerträgen, zu Hunger und schliessHch zu all- gemeinen Wirtschaftskrisen geführt. Immer mehr Menschen nach 1620 mussten von einer Landwirt- schaft leben, die ihre Erträge nur extensiv über die Nutzung von Randertragszonen steigern konnte. Ge- rade dort lohnte sich bei ungünstiger Witterung der Anbau nicht mehr. Während des Krieges änderte sich daran wenig: Es gab zwar genügend Lebensmit- tel, doch die meisten Menschen konnten die hohen Preise nicht bezahlen. Erst die Überlebenden des Krieges und die folgenden Generationen fanden wie- der günstigere Lebensbedingungen vor. Gegen Ende des Krieges machten sich im Rhein- tal in zunehmendem Masse Wölfe bemerkbar. Ihnen fielen einige Füllen, Schafe und andere Haustiere 
zum Opfer. Schon 1643 wurde in Dornbirn von den Vertretern der umliegenden Gemeinden beraten, wie man der Plage Herr werden könnte.94 Im März 1647 wünschten die Bewohner der Vier Herrschaf- ten und Reichslande vor dem Arlberg den abziehen- den Schweden «von herzen guet Wetter auf die Reiss und wellen ihrer Widerkunfft nit eyfrig erwarten».95 Der Vorarlberger Landtag im März 1651 befasste sich mit der durch das Kriegswesen eingeschliche- nen «Zerrittlichkeit» und Unordnungen, welche baldmöglichst abgeschafft werden sollten. Fast alle Strassen waren reparaturbedürftig und der Handel litt auch unter den immer noch bestehenden Aus- und Einfuhrbeschränkungen. Die Minderung der Lebensqualität in den Reichslanden Vaduz und Schellenberg war zumindest in drei Bereichen fass- bar. 1657 bekundete der Tiroler Landesherr Erzher- zog Ferdinand Karl, wie auch schon seine Vorgän- ger, sein Missfallen zur Saisonwanderung als Hüter- buben und Mägde besonders nach Schwaben: «Wir müssen mit sonder Missfallen vernehmen, dass sich 85) Küng, Krieg (wie Anm. 3). S. 614 f. 86) Ransperg, S. 188 ff. 87) Dierauer. Johann: Geschichte der Schweizerischen Eidgenossen- schaft. Gotha, 1907, Bd. III. S. 538. 88) Landesregierungsarchiv Innsbruck, «Empietten und Bevelch fol. I 84», 11. Juni 1647: Kammer an Graf Hohenems. Ein weiterer Anlauf zur Einbeziehung der Reichshorrschaften erfolgte anlässlich der Rückeroberung Vorarlbergs im Juni 1647, als Feldzeugmeister Adrian von Enkenfort Bregenz besetzte und die Regierung der Vor- lande in Innsbruck Graf Karl Friedrich von Hohenems aufforderte, Soldaten aus den Reichsterritorien zu entsenden. 89) Ebenda, Fol. 334, 14. September sowie Fol, 18, 14. Oktober 1647. 90) Ebenda, Fol. 9, 8. Januar 1648. 91) Landesarchiv Bregenz. Landständeakten, 4. April 1648: Recess. 92) Welti Ludwig: Geschichte der Reichsgrafschaft Hohenems. Innsbruck, 1930, S. 121 sowie Landesregierungsarchiv Innsbruck. «Empieten und Bevelch fol. 375», 26. Oktober 1648 und «Bekheneu fol. 71 f.», 22, Juni 1650: Mandat, 93) Ploetz, Auszug, S. 733. 94) Laiidesarchiv Bregenz, Landständeakten 18. Oktober 1649. Recess. Vgl. Schmidt, Georg: Der Dreissigjährige Krieg. München. 2003. S. 12 ff. 95) Fabri, Feiice: Chronicon Parvum Sueviae. Ulm, 1653. S. 161, 147
        

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