DIE REICHSHERRSCHAFTEN SCHELLENBERG UND VADUZ IM 30-JÄHRIGEN KRIEG / HERIBERT KÜNG EINLEITUNG: GEOPOLITISCHE LAGE, REGENTSCHAFT, KONFLIKTPOTENTIAL Das heutige Fürstentum Liechtenstein, bestehend aus der Grafschaft Vaduz und der Herrschaft Schel- lenberg, erschien in der ersten Hälfte des 17. Jahr- hunderts von zahlreichen und recht unterschied- lichen Territorien1 umgeben, zu denen wiederum differenzierte politische, wirtschaftliche und gesell- schaftliche Beziehungen bestanden. Es waren dies im Westen die gemeineidgenössi- sche Landvogtei Sargans und die Glarner Landvog- tei Werdenberg, im Norden die österreichische Vog- tei Feldkirch, die bedeutendste in Vorarlberg,2 im Osten Sonnenberg-Bludenz und die österreichische Landvogtei Castels im Prättigau und im Süden die Graubündner Landvogtei Maienfeld, bis 1509 zur Grafschaft Vaduz gehörig. Die Burg Gutenberg war ebenfalls österreichisch und von einem eigenen Burgvogt verwaltet. Das heutige Fürstentum Liech- tenstein war demnach von zwei österreichischen, einem halb österreichischen (Zehngerichtebund), einem Graubündner und zwei eidgenössischen Ho- heitsgebieten umgeben. So verschieden sich die geografische Lage gegen- über heute ausnahm, so abgestuft präsentierten sich auch die dortigen Formen der Regentschaft. In Sargans und Werdenberg wechselten die Vögte alle zwei Jahre, Eidgenossen aus den acht alten Orten dort und Bürger von Glarus da, in Maienfeld Bünd- ner ebenfalls alle zwei Jahre; die Ämter wurden ge- wöhnlich durch Kauf erworben. In den österrei- chischen Gebieten hingegen blieben die Vögte über Jahre und Jahrzehnte dieselben, nicht zuletzt des- wegen, weil die Erwerbung einer Vogtei mit der Übernahme der darauf liegenden, oft nicht unbe- trächtlichen Pfandschaft, im Klartext mit Schulden, verbunden war. So amtete Hans Viktor von Travers in Castels von 1615 bis 1649, in Feldkirch die Gra- fen Kaspar 1615 bis 1620, Jakob Hannibal II. von 1620 bis 1646 und Karl Friedrich von Hohenems bis 1654. Burgvogt auf Gutenberg war Hans Ulrich von Ramschwag, ab 1631 auch Vogt von Bludenz-Son- nenberg, ab 1650 sein Sohn Franz Ulrich.3 Während in den schweizerischen Territorien die Untertanen 
nur sporadisch, meist bei Gerichtsfällen, hervor tra- ten, ist die Mitwirkung der Gerichtsgemeinden bei politischen Entscheiden in Graubünden gut fassbar, doch lediglich in den österreichischen Herrschaften vor dem Arlberg besassen Bauern und Bürger (ohne Adel und Geistlichkeit) Gerichts-, Steuer- und Wehr- hoheit. Die Bevölkerung der Herrschaften Vaduz und Schellenberg ist in den österreichischen Archiv- beständen lediglich am Rande fassbar, so dass man weitgehend auf Rückschlüsse angewiesen bleibt. Von 1613 bis 1699/1712 befanden sich die Reichsherrschaften Vaduz und Schellenberg im Be- sitz der Grafen von Hohenems (1560 Erhebung in den Reichsgrafenstand durch den Kaiser), welche diese beiden Territorien für 187 577 Gulden von den Grafen von Sulz erworben hatten. Die Landesherren während des Dreissigjährigen Krieges waren Graf Kaspar (bis 1640), Graf Jakob Hannibal II. (bis 1646) und Karl Friedrich (bis wann ist nicht klar, mindestens aber bis 1648). «Eine Teilungsurkunde zwischen den Grafen Karl Friedrich und [seinem Bruder] Franz Wilhelm liegt ... nicht vor. Sie wird auch in Weltis Geschichte der Reichsgrafschaft Ho- henems ... oder bei Peter Kaiser nicht erwähnt» (Mitteilung Vorarlberger Landesarchiv 2005). Die Hohenemser stellten die bei weitem bedeu- tendste Adelsfamilie der Region Bodensee-Alpen- rhein von 1560 bis 1654 dar. Ihr Lehen umfasste die Orte Ems (Flohenems), Lustenau, das Dornbirner Oberdorf und die St. Galler Ortschaften Widnau und Haslach. Dazu hatten sie die Grafschaft Gallara bei Mailand inne und waren seit 1569 Vögte und Pfand- 1) Die Karte der Region im Handbuch der Bündner Geschichte, Bd. 2. Chur, 2000. S. 128. differenziert nicht zwischen österreichischen Ter- ritorien und Reichsherrschaften und hebt den Zehngerichtebund mit dem Vorort Davos in seiner halb bündnerischen, halb österreichi- schen Stellung nicht besonders hervor. 2) Landesarchiv Bregenz. Landständeakten, 6. November 1652. Im Landtagsrecess dieses Jahres ist erstmals die Rede von «vorarlbergi- schen Underthanen.» Bis dahin war der Begriff «vier Herrschaften vor dem Arlberg» gebräuchlich; die Bezeichnung «Vorarlberg» erscheint erst 1 725. 3) Küng, Heribert: Vorarlberg (und Graubünden) im Dreissigährigen Krieg. Diss. phil. Innsbruck. 1968, S. 625; Landesregierungsarchiv Innsbruck, Kopialbücher «Bekhenen fol. 71 f.», 22. Juni 1650. 129
        

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