neben seinem angestammten Beruf - zum Beispiel als Architekt oder Lehrer - noch einige Mandate laufen hatte. Mit den steigenden Anforderungen an den Treuhänderberuf ist die Zahl dieser Feier- abend-Mandatäre stark zurückgegangen. Viele Liechtensteiner Politiker (Regierungschefs, Parteipräsidenten, Landtagsabgeordnete) stamm- ten im 20. Jahrhundert beruflich aus dem Gesell- schaftswesen oder stiegen nach ihrer Politkarriere (wieder) in dieses ein. Grund für die Affinität des Gesellschaftswesens zur Politik ist der Umstand, dass der Finanzplatz auf einem zutiefst politischen Fundament (Steuer, Währung, PGR) ruht. Beson- ders problematisch war das Verhältnis von Staat und Wirtschaft, Politik und Beruf da, wo sich öf- fentliche und private Interessen überschnitten oder überschneiden konnten, namentlich bei öffentli- chen Amtern, die nebenher ausgeübt wurden. So hatten (und haben) viele Treuhänder nebenbei ein Landtags-, Richter- oder sogar Regierungsmandat, weil die beschränkten personellen Ressourcen des kleinen Landes keine andere Lösung zulassen. Die- se Problematik galt und gilt im übrigen auch und gerade für das Fürstenhaus. So ist der studierte Be- triebswirt Hans-Adam II. von und zu Liechtenstein nicht nur Staatsoberhaupt, sondern als «Regierer» des Hauses Liechtenstein gleichzeitig erfolgreicher Geschäftsmann und Manager des fürstlichen Ver- mögens.73 Öffentlich diskutiert wird dieses struk- turelle Problem allenfalls dann, wenn es zu einem «Skandal» kommt, das heisst: wenn die privaten Interessen (zu) offensichtlich mit den öffentlichen Aufgaben kollidieren. Dies war zum Beispiel 1935 der Fall, als der Beamte Ludwig Hasler seinen Po- sten als damals einziger Steuerverwalter des Lan- des räumen musste, weil er nebenbei Sitzunterneh- men betreut und dabei amtliche und private Ge- schäfte nicht sauber voneinander getrennt hatte.74 Ursprünglich wurden in Liechtenstein vor allem Holdinggesellschaften errichtet, die man für die Ab- wicklung von Handelsgeschäften einsetzte. Im Jah- re 1930 beispielsweise entstanden 145 neue Sitz- unternehmen. 63 Prozent dieser Unternehmen hat- ten eine Form, die sich vor allem für kommerzielle Tätigkeiten eignete, sie waren also Aktiengesell-schaft, 
GmbH oder Anstalt.75 In den letzten Jahr- zehnten traten die kommerziell tätigen Unterneh- men in den Hintergrund76 und man spezialisierte sich auf eine andere Art 
des Offshore-GeschMts: auf die Verwaltung ausländischen Finanzvermö- gens. Statt der Anstalt oder der Aktiengesellschaft wählte man dafür andere Gesellschaftsformen, na- mentlich den Trust oder die Stiftung. 1977 waren erst 12 Prozent aller Sitzunternehmen Stiftungen. Mittlerweile beträgt ihr Anteil über 60 Prozent.77 Auf welchen Wegen fanden ausländische Anle- ger und Geschäftsleute überhaupt nach Liechten- stein? Dass sich in Liechtenstein Handelsgeschäfte bequem und steuergünstig abwickeln und grosse Vermögen währungssicher anlegen liessen, sprach sich in den 1920er Jahren bei den europäischen Wirtschaftsanwälten und Steuerberatern rasch herum. In den Fachzeitschriften erschienen schon bald Artikel, welche die Vorzüge von liechtensteini- schen Sitzunternehmen priesen.78 Skandale be- schädigten zwar den Ruf des Finanzplatzes Vaduz, andererseits machten sie ihn im Ausland bekannt und lockten weiteres Geld an, namentlich dann, wenn sich die hechtensteinischen Behörden nicht auf Rechtshilfebegehren einliessen und am Bank- geheimnis für Anleger festhielten. Ähnlich ambiva- lent wirkte aussenpolitischer Druck. 1931, auf dem Flöhepunkt der Weltwirtschaftskrise, versuchte die deutsche Regierung, die Kapitalflucht mit einer Notverordnung einzudämmen.79 Damals erschie- nen im Ausland Artikel über Liechtenstein, die sei- ne neue Bedeutung als Finanzplatz selbst dem ge- wöhnlichen Zeitungsleser mit Überschriften wie «Eine Insel im Krisenmeer»80 oder «Im Land der geflüchteten Millionen»81 vor Augen führten. Die Liechtensteiner Treuhänder überliessen die Verwaltung der in den Sitzunternehmen stecken- den Kapitalien ursprünglich den Banken, nament- lich jenen auf dem Platz Zürich. Mit der Zeit gingen sie dazu über, sich selbst um diese Vermögen zu kümmern, ja einige Treuhänder wollten es der LGT/BiL gleich tun und ihren Kunden eine eigene Bank zur Verfügung stellen. So entwickelte sich 1956 aus dem Allgemeinen Treuunternehmen die Verwaltungs- und Privatbank (VPB). Die Landes- 96
        

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