SOUVERÄNITÄT ALS STANDORTFAKTOR CHRISTOPH MARIA MERKI ler. Mit keinem Wort erwähnte sie, dass diese hohe Kunst auch ein einträgliches Geschäft darstellte.36 Offensichtlich wollte man die schöngeistige Philate- lie nicht durch profane Ertragsrechnungen be- einträchtigen. Die Erlöse stiegen damals gewaltig an: von 1,6 Millionen Franken (1959) auf 12,3 Mil- lionen Franken (1965) - dies war fast ein Drittel al- ler Landeseinnahmen.37 Die hektische Industriali- sierung, die in jenen Jahren Liechtenstein erfasste, war also zu einem guten Teil durch ausländische Briefmarkensammler finanziert. Seither büsste das liechtensteinische Briefmar- kenwesen den grössten Teil seiner Bedeutung wie- der ein. Um 1980 machte die Philatelie noch etwa 12 Prozent der Landeseinnahmen aus/8 1994 wa- ren es noch 4,6 Prozent. Dieser Niedergang hatte verschiedene Ursachen. Zunächst einmal Hessen sich die Einnahmen aus dem Briefmarkengeschäft kaum mehr steigern, während alle anderen Ein- nahmen munter weiter wuchsen, so dass es zu ei- nem relativen Bedeutungsverlust des Briefmarken- geschäftes kam. Die gesellschaftliche Wertschät- zung der Philatelie sank; Frankiermaschinen be- einträchtigten den Wert der alt hergebrachten Mar- ken, neue Kommunikationsmittel liessen die klassi- sche Briefpost stagnieren. Ein Teil des Bedeutungs- verlustes war schliesslich hausgemacht. In den 1960er Jahren hatte die liechtensteinische Post die Auflagen so sehr erhöht, dass sie auf grossen Mar- kenbeständen sitzen blieb. In den Jahren 1971 und 1998 wurden frühere Markenjahrgänge für ungül- tig erklärt, was das Vertrauen der ausländischen Sammler beeinträchtigte. Teure Umtauschaktionen folgten.39 Alles in allem ging die Zahl der Abonnen- ten, die ganze Markensätze bezogen, drastisch zu- rück, nämlich von einst hunderttausend auf unter fünfzigtausend. Im Jahre 2004 betrug der Brutto- Erlös aus dem Briefmarkengeschäft noch 6,3 Mil- lionen Franken, weniger als ein Prozent aller Lan- deseinnahmen.40 
BEISPIEL 3: SITZGESELLSCHAFTEN Eine besonders clevere und lukrative Art der kom- merzialisierten Souveränität sind die Sitzgesell- schaften oder Sitzunternehmen. Sie haben ihr Do- mizil zwar in Liechtenstein, werden aber von Per- 28) Zum so genannten Fall Nottebohm: Merki 2003 (wie Anm. 1), S. 100/101. 29) Rentnersteuer ist eigentlich der falsche Ausdruck. Es handelt sich ja weniger um gewöhnliche Rentner im heutigen Sinne als um Rentiers, also um Leute, die von den Erträgen ihres Vermögens leben und die durchaus noch im erwerbstätigen Alter sein können. 30) Liechtensteinisches Landesarchiv (fortan: LLA), RF 290/73. 31) LLA, RF 329/19. 32) Steuerstatistik 2004. Hrsg. Liechtensteinische Steuerverwaltung. Vaduz. 2005. S. 3 und 40. 33) Hasslor, Hermann: Die liechtensteinischen Briefmarken. In: Fürstentum Liechtenstein. Eine Dokumentation. Hrsg. Presse- und Informationsamt der Regierung des Fürstentums Liechtenstein. Vaduz, 1982, S. 303-306, hier S. 303/304. 34) Quaderer, Rupert: Briefmarkenskandal. In: Historisches Lexikon für das Fürstentum Liechtenstein (im Erscheinen). 35) Geiger 1997 (wie Anm. 14), Bd. 1, S. 206/207. 36) Vgl. Regierung des Fürstentums Liechtenstein (Hrsg.): 50 Jahre Liechtensteinische Postwertzeichen, 1912-1962. Jubiläums-Fest- schrift. Vaduz, 1962. Ähnlich verschämt auch die Festschrift zum 75-Jahr-Jubiläunt: Postmuseum des Fürstentums Liechtenstein (Hrsg.): 75 Jahre Liechtenstein-Briefmarken, 1912-1987. Vaduz. 1987. Immerhin erwähnt der damalige Regierungschef Hans Brun- hart im Vorwort dieser Schrift die «erheblichen Einnahmen» aus dem «Briefmarkengeschäft» (ebd., S. 7). 37) Alle Zahlenangaben in diesem Abschnitt aufgrund der Rechen- schafts-Berichte der fürstlichen Regierung (z.T. eigene Berechnun- gen). Es handelt sich um Brutto-Erlöse. In Abzug bringen musste man davon die Kosten für die Herstellung und den Vertrieb der Mar- ken, für die Postsachenbeförderung und das Postmuseum. Diese Ausgaben betrugen 1965 aber nicht mehr als etwa sieben Prozent der Brulto-Einnahmen. 38) Hassler 1982 (wie Anm. 33). S. 305. 39) Vgl. Neue Zürcher Zeitung vom 7. Januar 2002 (Der Todesstoss für die Philatelie in Liechtenstein?). Die Erträge aus dem Wertzei- chenverkauf wurden vorübergehend auch dafür verwendet, die De- fizite der 1998 privatisierten Post Liechtensteins zu decken. 40) Der Netto-Erlös. also die Differenz zwischen den Wertzeichen- verkäufen und den Ausgaben für die Postwertzeichenstelle sowie für die Briefmarkengestaltung. belief sich auf 1,8 Millionen Franken (Re- chenschaftsbericht der Regierung 2004. S. 383). 89
        

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