nität - abstempeln.17 Von diesen Durchreisenden, für die inzwischen ein spezieller Busbahnhof ein- gerichtet worden ist, leben vor allem die Vaduzer Souvenir- und Schmuckgeschäfte.18 Im Folgenden sollen nun drei wichtige Ausprä- gungen kommerzialisierter Souveränität zur Spra- che kommen, die alle um die Zeit des Ersten Welt- krieges herum entstanden sind: 1. die Finanzein- bürgerungen, 2. die Briefmarken und 3. die Sitzge- sellschaften. Während es die Finanzeinbürgerun- gen nur während einiger Jahre gegeben hat und die Briefmarken ihre einst grosse Bedeutung mitt- lerweile fast vollständig eingebüsst haben, sind die Sitzgesellschaften nach wie vor wichtig, ja sie bil- den zweifellos das Fundament des Finanzplatzes Liechtenstein. Ihre Geschichte soll deshalb etwas ausführlicher vorgestellt werden. Die Kommerzia- lisierung der Souveränität war (und ist) im Übrigen nicht etwas genuin Liechtensteinisches - auch an- dere Mikrostaaten hatten (und haben) damit Er- folg.19 BEISPIEL 1: FINANZEINBÜRGERUNGEN Nach den Umwälzungen des Ersten Weltkrieges suchten viele staatenlos gewordene Personen ein neues Bürgerrecht. Wohlhabende Emigranten aus dem ehemaligen Zarenreich oder reiche Deutsche, die ihren Lebensabend im steuergünstigen Liech- tenstein verbringen wollten, klopften in Vaduz an. Seit der Machtergreifung Hitlers im Januar 1933 kamen jene hinzu, die von den Nationalsozialisten in die Emigration getrieben wurden. Besonders at- traktiv war der liechtensteinische Pass dadurch, dass man ihn erwerben konnte, ohne vorher im Lande ansässig gewesen zu sein. Viele der neuen Bürger benutzten den liechtensteinischen Pass le- diglich für den Einlass in die Schweiz oder als eine Art Visum für die Weiterreise in die USA. Nur weni- ge liessen sich tatsächlich im Lande nieder, was auch damit zu tun hatte, dass ihnen die liechten- steinische Regierung die Ausübung ihres gelernten Berufes untersagte. 
Zwischen 1930 und 1945 wurden alles in allem 394 Personen durch Einbürgerung Liechtenstei- ner.20 Dies war bei einer Wohnbevölkerung von da- mals rund zehntausend Menschen eine beachtliche Zahl. Von den rund vierhundert Neubürgern waren etwa ein Drittel Juden, die sich so über den Zwei- ten Weltkrieg und vor dem Holocaust retten konn- ten. Die jüdischen Einbürgerungen führten zu in- nenpolitischen Querelen und aussenpolitischem Druck. Die Liechtensteiner nahmen diese Juden nicht bloss aus Mitleid bei sich auf. Ihnen ging es auch oder vor allem um die damit verbundenen Ge- bühren, die angesichts der damaligen wirtschaft- lichen Not sehr willkommen waren. In den 1930er Jahren stammten fünf bis zehn Prozent aller Lan- deseinnahmen allein aus solchen Finanzeinbürge- rungen. Norbert Korfmacher bringt diese «seltsa- me Symbiose» auf den Punkt: «Die einen boten Schutz und brauchten Geld, die anderen boten Geld und brauchten Schutz.»21 Eine Einbürgerung im Fürstentum Liechtenstein konnten sich nur wenige Ausländer leisten: Gross- industrielle, Bankiers, reiche Kaufleute. Die Ge- bühren, welche die Behörden erhoben, stiegen im Laufe der 1930er Jahre an. Im Jahre 1934 lag der übliche Satz für einen männlichen Neubürger bei 10 000 Franken Gemeindetaxe, 5 000 Franken Lan- destaxe und 1000 Franken sonstigen Gebühren. Im Jahre 1938 musste der Antragsteller mit einem etwa zwei- bis dreimal so hohen Betrag rechnen. Dazu kamen zusätzliche Kosten für weitere Famili- enmitglieder, Kautionsforderungen über mehrere zehntausend Franken und Steuern.22 Zum Ver- gleich: Pfarrer Anton Frommelt, der stellvertreten- de Regierungschef, bezog damals ein jährliches Ge- halt von 5 000 Franken. Für die Anwälte und Treu- händer, welche die Antragsteller betreuten, ent- wickelten sich die Einbürgerungen zu einem ein- träglichen Geschäft. Sie organisierten die nötigen Dokumente, suchten die richtige Gemeinde aus und brachten den Antrag vor das liechtensteinische Parlament.23 Die Finanzeinbürgerungen waren dem national- sozialistischen Deutschland ein Dorn im Auge. Im April 1933 wurden zwei neu eingebürgerte Juden, 86
        

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