die im Fürstentum Liechtenstein arbeiten und ihren Lohn zu Hause, also in der Schweiz oder in Österreich, versteuern. Und sie dient nicht nur den liechtensteinischen Binnenpendlern, sondern auch jenen Liechtensteinern, die in die Schweiz einkau- fen kommen und welche die Einkaufszentren von Sargans, Buchs oder Haag bevölkern. Kurz und gut: Es lässt sich kaum genau sagen, wer nun in welchem Ausmass von 
diesem Outsourcing profi- tiert. Wie kompüziert die Berechnung der Vor- und Nachteile für den jeweiligen Partner im Einzelfall auch sein mag - das «Outsourcing staatlicher Auf- gaben»10 erklärt einen grossen Teil des Wirtschafts- wunders Liechtenstein. Allerdings setzt es Rah- menbedingungen voraus, die in einer rein gegen- wartsorientierten Perspektive mitunter vergessen werden. So ist die Delegation staatlicher Aufgaben nur im Rahmen eines liberalen Aussenhandelssys- tems möglich, welches annähernd spannungsfrei sein muss. Bei zwischenstaatlichen Konflikten, wie sie noch im Europa der ersten Hälfte des 20. Jahr- hunderts üblich waren, wäre es mit 
dem Outsour- cing vorbei. Von Vorteil ist überdies, wenn sich die- se bi- und multilateralen Beziehungen im Lee der öffentlichen Aufmerksamkeit entwickeln. Sobald ein Kleinststaat zu einem internationalen Thema wird (wie dies bei Liechtenstein und seinem Finanzplatz vor einigen Jahren der Fall gewesen ist), sind diese Beziehungen gefährdet. Öffentliche Aufgaben können eine Volkswirtschaft stark belasten. Heute stehen meistens die Sozial- ausgaben im Vordergrund staatlicher Budgetdebat- ten, noch vor wenigen Jahrzehnten war es der Ver- teidigungshaushalt. Die schweizerische Eidgenos- senschaft zum Beispiel wendete bis zum Ende des Kalten Krieges einen grossen Teil ihrer Ausgaben für die Landesverteidigung auf, in den 1950er und 1960er Jahren waren es 26 bis 38 Prozent aller Bundesausgaben.11 Auch Liechtenstein litt früher unter den Ausgaben für seine Armee. Zwischen 1815 und 1866 garantierte der Deutsche Bund die Selbstständigkeit Liechtensteins. Im Gegenzug muss- te das Fürstentum verschiedene Pflichten erfüllen, insbesondere ein Kontingent von einigen Dutzend 
Soldaten stellen.12 Zusammen mit den Schulden aus der napoleonischen Zeit drückten diese Mi- litärausgaben die damals wenigen Bürger so stark, dass sie eine wirtschaftliche Gesundung des armen Ländchens unmöglich machten.13 Im Jahre 1868, nach der Niederlage Österreichs gegen Preussen und nach dem Zusammenbruch des Deutschen Bundes, wurde die kleine Armee gegen den Willen des Fürsten aufgehoben. Seither profitiert Liech- tenstein von der Friedfertigkeit seiner Nachbarn. Seine Schutzlosigkeit wurde ihm selbst in den bei- den Weltkriegen des 20. Jahrhunderts nicht zum Verhängnis. Es war strategisch zu unbedeutend - und hatte das Glück, die neutrale Schweiz an sei- ner Seite zu haben. ... UND DIE KOMMERZIALISIERUNG DER SOUVERÄNITÄT Neben 
dem Outsourcing gibt es noch eine andere Möglichkeit, wie ein kleiner Staat aus seiner Not (der Kleinheit) eine Tugend (und einen wirtschaftli- chen Erfolg) machen kann. Er kann seine Existenz als Staat dazu benutzen, ausländischen Interessen- ten Dinge anzubieten, die in anderen Staaten nicht vorhanden, kaum zu erhalten oder schlicht unver- käuflich sind: schöne Briefmarken, klingende Adels- titel, eine billige Rundfunkkonzession, niedrige Steu- ern, die Staatsbürgerschaft. Er kann - mit anderen Worten - seine Souveränität kommerzialisieren. Das Fürstentum Liechtenstein entstand zu Be- ginn des 18. Jahrhunderts, als die österreichische Adelsfamilie gleichen Namens die beiden mittelal- terlichen Territorien Schellenberg (1699) und Va- duz (1712) erwarb. Der Kauf dieser beiden Besit- zungen, die dann 1719 vom Kaiser zu einem «Reichsfürstentum» erhoben wurden, hatte einen politischen Zweck: Er sollte der Familie die Auf- nahme in den Reichsfürstenrat ermöglichen und ihre bereits vorhandene ökonomische Macht poli- tisch absichern. Der reiche liechtensteinische Fürst wurde so zu einem auch auf dem poütischen Par- kett ernst zu 
nehmenden souverain. Im Deutschen Bund der Jahre 1815 bis 1866 stand 
er de recto auf 84
        

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