SOUVERÄNITÄT ALS STANDORTFAKTOR CHRISTOPH MARIA MERKI lität gegeben (seit dem Ersten Weltkrieg benutzt es den Schweizer Franken), seine öffentliche Sicher- heit ist gewährleistet, seine Verbindung mit Euro- pas Verkehrsnetzen gut, die Abfallentsorgung gere- gelt, die akademische Ausbildung seiner Jugend gesichert. Wie ist dies möglich? Ganz einfach: Liechtenstein lagert eine Reihe öffentlicher Auf- gaben an seine Nachbarstaaten aus, es macht das, was man bei Unternehmen 
als Outsourcing be- zeichnet. Die Zusammenarbeit mit Nachbarstaaten kann informell erfolgen oder über Verträge geregelt sein, und sie begünstigt nicht nur das Fürstentum selbst, sondern - je nach Aufgabe - auch seine(n) Partner. Dies sei hier kurz am Beispiel der Autobahnen erläutert. Liechtenstein besitzt zwar keine eigene Autobahn, es ist jedoch über die österreichischen und schweizerischen Schnellstrassen gut an das in- ternationale Autobahnnetz angeschlossen. Viele Liechtensteiner benutzen täglich die Autobahn, die auf der schweizerischen Seite des Rheins entlang führt und welche die schnellste Verbindung zwi- schen Ruggell, der nördlichsten, und Balzers, der südlichsten Gemeinde Liechtensteins, darstellt. Die meisten Touristenbusse, die auf ihrer Reise quer durch Mitteleuropa in Vaduz einen kurzen Halt ein- legen, würden das Land ohne den schweizerischen oder österreichischen Zubringer links liegen las- sen. Viele Liechtensteiner Transportunternehmer müssten den Betrieb einstellen, wenn sie ihre Last- wagen nicht auf den Schnellstrassen der umliegen- den Länder fahren lassen könnten.9 Die Schweizer haben diese Autobahn bezahlt und sie haben den Boden dafür zur Verfügung gestellt. Man könnte meinen, ihnen bleibe lediglich der Lärm und der Dreck. Doch so einfach ist die Sache nicht. Die Liechtensteiner haben sich über die schweizeri- schen Mineralölsteuern, die auch in ihrem Lande gelten, finanziell am Bau der Schnellstrasse betei- ligt. Die Autobahn karrt auch all die Pendler heran, 1) Für die aktuellen Wirtschaftszahlen sei auf die Publikationen des Amtes für Volkswirtschaft (Vaduz), insbesondere auf die von ihm seit 1977 herausgegeben Statistischen Jahrbücher verwiesen. Die 
neuesten Wirtschaftsanalysen sind: Eisenhut, Peter: Entwicklung und Perspektiven der Volkswirtschaft des Fürstentums Liechtenstein. Vaduz, 2004. Hrsg. Amt. für Volkswirtschaft. - Credit Suisse (Hrsg.): Fürstentum Liechtenstein. Struktur und Perspektiven. Zürich, Mai 2004. Einen Überblick über die wirtschaftliche Entwicklung Liech- tensteins im 20. Jahrhundert bietet: Merki, Christoph Maria: Von der liechtensteinischen Landkanzlei zur internationalen Finanzberatung. Die Anwaltskanzlei Marxer & Partner und der Finanzplatz Vaduz. Baden, 2003, S. 57-83. Der Verfasser dieses Aufsatzes arbeitet am Liechtenstein-Institut (Bendern) an einer Wirtschaftsgeschichte des Fürstentums, die demnächst unter dem Titel «Wirtschaftswunder Liechtenstein» erscheinen wird. 2) Eigentlich müsste man auch noch auf die Arbeitsplätze hinweisen, die durch liechtensteinische Unternehmen im Ausland geschaffen worden sind. Die Industrieunternehmen, die der Liechtensteinischen Industrie- und Handelskammer (LIIIK) angehören, beschäftigen im Inland 7700 Personen; in den Auslandsniederlassungen finden 23 600 Personen Arbeit (vgl. Jahresbericht der LIIIK 2002. S. 11/12). 3) Genauere Angaben in der vom Amt für Volkswirtschaft jährlich herausgegebenen Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung Liechten- steins. 4) Liechtenstein ist eher ein «Finanzdienstlcistungsplatz» als ein «Finanzplatz». Um als «Finanzplatz» oder «Finanzzentrum» gelten zu können, brauchte es eine eigenständige Währung, eine voll aus- gebaute Börse und viele bedeutende, in- und ausländische Banken (vgl. Meili, Alexander: Geschichte des Bankwesens in Liechtenstein [1945-1980]. Frauenfeld usw., 2001, S. 172; sowie: Merki, Christoph Maria: Einleitung: Wo das Herz des Kapitalismus schlägt. In: Euro- pas Finanzzentren. Geschichte und Bedeutung im 20. Jahrhundert. Hrsg. Christoph Maria Merki. Frankfurt a.M./New York. 2005, S. 9-20). 5) Grundsätzlich zum wirtschaftlichen Wettbewerb der Nationen: Porter. Michael F.: The Competitive Advantage of Nations. With a New Introduction. Houndmills/New York, 1998 (2. Auflage). 6) Die Begriffe sind nicht klar definiert, ihr Gebrauch schwankend. Als Mikrostaaten (microstates) gelten Staaten mit weniger als 500 000, z.T. auch nur solche mit weniger als 100 000 Einwohnern. 7) Vgl. Armstrong, Harvey; de Kervenoael, Ronan J.; Li. Xicheng; Read, Robert: A Comparison of the Economic Performance of Different Micro-states, and Between Micro-states and Larger Coun- tries. In: World Development 26 (1998), Nr. 4, S. 639-656. 8) Es ist eher unwahrscheinlich, dass auch der Protektionismus zum Wohlergehen Liechtensteins oder - generell - kleiner Staaten bei- trägt. Voraussetzung für den Protektionismus, der viele Bereiche der liechtensteinischen (Binnen-)Wirtschaft durchdringt, ist ebenfalls die Souveränität. Arbeitsplätze und Aufträge, die wie durch Zufall im- mer wieder oder ausschliesslich an einheimische Bewerber bzw. an das einheimische Gewerbe vergeben werden, vermindern die Effi- zienz der liechtensteinischen Wirtschaft eher als dass sie sie steigern würden. 9) Das liechtensteinische Transportgewerbe besitzt eine überpropor- tional grosse Bedeutung. Es profitiert von den offenen Grenzen zu den Nachbarländern, aber auch davon, dass das Fürstentum Liech- tenstein an der Kreuzung zweier wichtiger Alpenstrassen, der Arl- berg- und der San-Bernardino-Route, liegt. 83
        

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