RECHTSREZEPTION UND SOUVERÄNITÄT - EIN WIDERSPRUCH? / ELISABETH BERGER DER ERWERB DER SOUVERÄNITÄT ALS ANSTOSS ZUR RECHTSREFORM Für das Fürstentum Liechtenstein liegt die Geburts- stunde seiner Souveränität im Jahr 1806. Damals schlössen sich im Gefolge des Friedensvertrags von Pressburg vom 26. Dezember 1805 sechzehn süd- und westdeutsche Länder unter dem Protektorat des Kaisers der Franzosen zum Rheinbund zusam- men, wobei für die Aufnahme der kleinen Territori- en allein die kaiserliche Gunst ausschlaggebend war.1 Mit dem Ausscheiden der Rheinbundfürsten aus dem Reichsverband war der Untergang des Hei- ligen Römischen Reichs endgültig besiegelt und wurde mit der Niederlegung der Kaiserwürde durch Franz IL am 6. August 1806 auch rechtlich vollzo- gen. Zu den - jedenfalls ihrem Selbstverständnis nach - souveränen Rheinbundstaaten2 zählte auch das seit 1719 reichsunmittelbare Fürstentum Liech- tenstein, das dem Schwäbischen Reichskreis an- gehört hatte. Das Bemerkenswerte an der Rhein- bundzugehörigkeit des Fürstentums3 bestand darin, dass es durch eine persönliche Verfügung Napo- leons in den Rheinbund aufgenommen worden war.4 Dass es auf diese Weise zugleich der Mediati- sierung entging, hatte das zwischen Vorarlberg und der Eidgenossenschaft am Oberrhein gelegene Länd- chen zu einem Gutteil der persönlichen Wertschät- zung zu verdanken, die der französische Kaiser dem seit 1805 regierenden Fürst Johann I.5 entgegen- brachte.6 Dieser stand zugleich als General im Dien- ste der österreichischen Armee und hatte sich in den napoleonischen Kriegen durch militärisches Geschick sowie in den anschliessenden Friedens- verhandlungen durch bemerkenswerte diplomati- sche Fähigkeiten ausgezeichnet. Seine Funktion als souveräner Herrscher eines Rheinbundstaates brachte Fürst Johann wegen seiner Beziehungen zum Hause Habsburg in eine schwierige Situation, die er jedoch gleichfalls in diplomatischer Weise zu lösen verstand: Er bot Napoleon an, die Regierungs- gewalt auf seinen minderjährigen Sohn Karl zu übertragen, allerdings unter Beibehaltung der Re- gentschaft im Wege der Vormundschaft. Diplomatie und taktisches Talent halfen Fürst Johann dabei, die 
Rheinbundzeit erfolgreich zu überstehen und sei- nen Status als liechtensteinischer «Souverän» gegen alle Anfechtungen zu verteidigen, was sich vor allem in LIinblick auf die Annexionsbestrebungen des Kö- nigreichs Bayern als notwendig erwies. Nach der Leipziger Völkerschlacht erklärte Fürst Johann I. im Dezember 1813 gegenüber dem öster- reichischen Kaiser seinen Austritt aus dem Rhein- bund. Er versprach, Österreich im Kampf gegen Na- poleon zu unterstützen und liess sich im Gegenzug die Souveränität seines Fürstentums zusichern, die auf dem Wiener Kongress 1814/15 ausdrücklich an- erkannt und bestätigt wurde.7 Mit der Ratifikation der Deutschen Bundesakte am 3. Juli 1815 schloss sich an die Rheinbundzeit Liechtensteins nach einer kurzen Unterbrechung die Mitgliedschaft im Deut- schen Bund an, die ein halbes Jahrhundert dauern sollte. Der Deutsche Bund als Vereinigung der «sou- veränen Fürsten und freien Städte Deutschlands» erkannte den Fürsten von Liechtenstein als vollwer- tiges Mitglied an, wodurch indirekt die Souveränität bestätigt wurde. Auch wenn das kleine Land keine aktive Rolle spielte, waren doch mit der Zugehörig- keit zu dem Staatenbund ein starker politischer Rückhalt sowie ein Gegengewicht zu dem Einfluss gegeben, der von der Präsidialmacht Österreich ausging. Der Deutsche Bund bot den politischen 1) Erler, Rheinbund. Sp.1008 ff. mit weiteren Nachweisen. 2) Tatsächlich war die äussere Souveränität der Rheinbundfürsten durch die dem französischen Protektor vorbehaltencn Rechte (insb. hinsichtlich militärischer Befugnisse wie Kriegserklärung und Friedensschluss) eingeschränkt und auch die innere Souveränität stand zu seiner Disposition. Vgl: Quaritsch, Souveränität. Sp. 1720 f. 3) Zu Liechtenstein im Rheinbund vgl: Press, Fürstentum Liechten- stein, S. 57 ff; Schmidt, Fürst Johann, S. 387 ff.; Mazohl-Wallnig. Sonderfall Liechtenstein, S. 7 ff. 4) Die mit 12. Juli 1806 datierte Rheinbundakte trägt weder die Unterschrift des Fürsten noch die eines bevollmächtigten Gesandten; dasselbe gilt für die gemeinsame Erklärung der Rheinbundstaaten vom 1. August 1806 über ihre Trennung vom Reich. 5] Zur Person Fürst Johanns I. (1760-1836) vgl.: In der Maur, Feldmarschall Johann. S. 153 ff.; Schmidt, Fürst Johann, S. 386 ff. 6) Weitere mutmassliche Gründe für den Fortbestand des Fürsten- tums bei Press. Fürstentum Liechtenstein. S. 56 f. 7) Schmidt, Fürst Johann, S. 407. 35
        

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