sehe Flüchtlinge schliesslich waren jene Personen, die in ihren Heimatstaaten wegen ihrer politischen Gesinnung oder politischen Tätigkeit verfolgt wur- den. Zu ihnen zählten weder Menschen jüdischen Glaubens noch Angehörige sogenannter linksextre- mer Organisationen. Die Jüdinnen und Juden, die in Liechtenstein vor 1941 bereits ansässig waren, wurden bis Kriegsende als Emigrantinnen respekti- ve als Emigranten behandelt. Die liechtensteinische Flüchtlingspolitik ver- schärfte sich im Verlauf der rund eineinhalb Jahr- zehnte des Untersuchungszeitraums von Ursina Juds Studie. Auf Grundlage ihres akribischen Quel- lenstudiums kommt sie zum Schluss, dass die liech- tensteinische Flüchtlingspolitik dieser Jahre in vier Phasen einzuteilen ist: Die Jahre 1933 bis zum «An- schluss» Österreichs im März 1938; die Monate vom März 1938 bis zum September 1939; die Jahre 1940 bis 1944; sowie die Monate um das Kriegsende 1945. Diese Phasen unterscheiden sich im Hinblick auf die bereits geschilderte policy ebenso wie im Hinblick auf das soziologische Profil jener Men- schen, um die sich die Politik drehte: Waren es in der ersten Phase vor allem so genannte Wirtschafts- flüchtlinge und vereinzelte politische Flüchtlinge, die nach Liechtenstein kamen und es zumeist als Transitland nützten, waren es in der zweiten Phase en Gros jüdische Menschen aus Österreich, die das Fürstentum als Transitland in die vermeintlich si- chere Schweiz nutzten. Im Unterschied zu den Flüchtlingen der ersten Phase reisten sie in der Mehrheit legal mit der Bahn ins Fürstentum ein und in die Schweiz aus. In der dritten Phase, die rein quantitativ die schwächste Phase war, flüchteten insbesondere Kriegsgefangene nach Liechtenstein, die nach Möglichkeit ebenfalls in die Schweiz wei- tergereicht wurden. Die vierte und letzte Phase schliesslich war, obwohl sie den kürzesten Zeitraum umfasste, sowohl qualitativ als auch quantitativ von den ersten drei vollkommen unterschiedlich: Alleine in den letzten Kriegstagen im April und Mai 1945 versuchten rund 7000 Menschen eine Einreise in das Fürstentum, das diesmal nicht zum Transit-, sondern zum Zielland einer bis dahin unvergleichli- chen Flüchtlingsbewegung aus ganz Europa wurde. 
Hinsichtlich der policy in diesen vier Phasen liechtensteinischer Flüchtlingspolitik kommt Jud zu einem eindeutigen Befund: Das Bestreben der Be- hörden in den Jahren 1933 bis 1945 war nicht, von durch das NS-Regime in ganz Europa bedrohte Menschen zu retten und das Fürstentum Liechten- stein als menschenrechtlichen Fels in der faschisti- schen Brandung Europas zu positionieren, sondern aussenpolitische Konflikte mit den grossen Nach- barn Schweiz und NS-Deutschland zu vermeiden und innenpolitische Ruhe zu erhalten. Das bedeute- te realpolitisch die Umsetzung einer rigiden Rück- weisungs- und Abschiebepolitik sowie Niederlas- sungsbewilligungen nur für ausgewählte ökono- misch potente Emigrantinnen und Emigranten bzw. (politische) Flüchtlinge. In konkreten Zahlen ge- sprochen hiess das: 210 jüdische Flüchtlinge fanden zwischen 1933 und 1945 im Fürstentum Liechten- stein dauernde Aufnahme. Über die Aufnahme nicht-jüdischer Flüchtlinge hegen in den von Jud konsultierten Archiven keine verbindlichen Anga- ben vor. Aus demselben Grund unklar ist die Ge- samtzahl über zurückgewiesene jüdische und nicht- jüdische Flüchtlinge im gesamten Untersuchungs- zeitraum, die Zahl dürfte aber in die hunderte ge- hen; denn alleine zwischen 1938 und 1940 suchten 270 Personen bei den liechtensteinischen Vertre- tungsbehörden im Ausland um eine Aufenthaltsbe- willigung an, die sie jedoch nicht erhielten. Die Le- bensbedingungen jener auserwählten Flüchtlinge, die im Fürstentum Liechtenstein die NS-Herrschaft in Europa überlebten, schildert die Autorin in einem eigenen Kapitel, das auf behördlichen und lebens- biographischen Quellen beruht. Damit erweitert sie ihre Studie um jene personale Dimension, die für den gegenwärtigen Rezipienten bzw. die gegenwär- tige Rezipientin historischer Phänomene so grund- legend für deren Verständnis ist - und eine histori- sche Monographie nicht nur bewegend, sondern ebenso betroffen macht. 250
        

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