NATIONALE IDENTITÄT WILFRIED MARXER WO LIEGEN DIE TRENNLINIEN? Bei verschiedenen Einstellungsfragen wurden also signifikante Gruppendifferenzen festgestellt. Dabei ist allerdings wie bereits ausgeführt zu berücksichti- gen, dass nicht notgedrungen die Zugehörigkeit zu einer Gruppe die Ursache für eine bestimmte Ein- stellung oder Haltung darstellen muss. Beispiels- weise ist nicht unbedingt davon auszugehen, dass die Sympathie für eine bestimmte Partei die Einstel- lung zu einem Sachthema prägt. Theoretisch plausi- bler ist es, dass aufgrund einer bestimmten persön- lichen Einstellung eine Präferenz für eine Partei ent- wickelt wird, die der eigenen Haltung am ehesten entspricht.59 Bei anderen Variablen wiederum wird teilweise annähernd die gleiche Dimension gemes- sen. Dies betrifft etwa die liechtensteinische Staats- bürgerschaft, welche eng mit der Herkunft der El- tern und der Hauptsprache zu Hause korreliert ist. Es bleibt also die Frage, welches Gruppenmerkmal tatsächlich Einflüss ausübt, und welches Merkmal nur korreliert ist. Eine multivariate, d. h. mehrere mögliche Ursa- chenvariablen einschliessende, logistische Regres- sionsrechnung deckt auf, welche Strukturmerkmale tatsächlich einen Einflüss auf die Einstellungen ha- ben. Dabei werden die relevanten unabhängigen Variablen - Alter, Geschlecht, Nationalität usw. - je- weils gleichzeitig hinsichtlich ihrer Wirkung auf eine einzelne, dichotom (zweiteilig) kodierte Ein- stellungsvariable gerechnet. Dies wird für jede Ein- stellungsvariable - Nationalismus, Internationalität, Kulturelle Offenheit usw. - einzeln durchgeführt. Das Ergebnis ist erstaunlich. Die meisten der in den letzten Tabellen dargestellten gruppenspezifi- schen Zusammenhänge erweisen sich in der Analy- se der Kreuztabellen zwar als signifikant, aber doch eher schwach. In allen Fällen mit nachweislich mar- kanten Gruppenunterschieden spielt dagegen der Autoritätswert ASKO eine Rolle. Er stellt in der Re- gel den stärksten Einflussfaktor dar. Andere Merk- male wie die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Wahlkreis, die Nationalität, die Herkunft, die Spra- che, das politische Interesse oder das Engagement 
in Vereinen spielen dagegen eine weit untergeord- nete Rolle (Tabelle 27). Wenn also Trennlinien in der Gesellschaft aufge- spürt werden sollen, so laufen diese in der Frage der persönlichen und der nationalen Identität ursäch- lich kaum entlang des Alters, des Geschlechts, der Nationalität oder der meisten anderen hier analy- sierten Gruppenmerkmale. Die deutlichste und durchgehende Kluft in den Wahrnehmungen und Einstellungen in der Bevölkerung zeigt sich entlang der Autoritätsachse. Die hechtensteinische Gesell- schaft ist nicht in Inländer und Ausländer, in Alte und Junge, in Oberländer und Unterländer usw. ge- spalten, sondern - falls man überhaupt von Spal- tung sprechen will - in Autoritäre und Flexible. Die- se beiden Gruppen könnte man auch beschreiben als konservative Traditionalisten und progressive Modernisten. 59) Auf die Besonderheiten des liechtensteinischen Parteiensystems mit den sehr stark familial geprägten Partoibindungcn im Falle der beiden Volksparteien FBP und VU kann an dieser Stelle nicht näher eingegangen werden. Tatsächlich hat die Parteineigung auch eine teilweise prägende Wirkung auf die individuelle Einstellung. Im Falle der Freien Liste hat sich dagegen eher die sachfragenorientierte Parteibindung durchgesetzt. 229
        

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