LIECHTENSTEIN IM VERBANDE DES HEILIGEN RÖMISCHEN REICHES / BERND MARQUARDT numsstaatlichkeit traf freilich auch das Heilige Rö- mische Reich. Vaduz-Schellenberg gehörte im Ver- fassungskrieg der Jahre 1618 bis 1635 bzw. 1648 nicht der bewaffneten protestantischen Fürstenop- position an, sondern der katholischen Kaiserpartei. Das Reichsgrundgesetz von 1648 bestätigte in sei- ner Grundstruktur das Verfassungssystem des Ewi- gen Landfriedens. LIECHTENSTEIN IN DEN PROTO- PARLAMENTARISCHEN VERFASSUNGS- INSTITUTIONEN DES REICHS Das Heilige Römische Reich gehörte neben Aragon (Cortes), England (Parliament) und Polen (Sejm) in den Kreis der europäischen Grossherrschaftsver- bände, die am stärksten proto-parlamentarische ständestaatliche Herrschaftsstrukturen herausbil- deten. Die Wurzel lag in der Reorganisation der Zen- tralebene zur «Handhabung Friedens und Rech- tens». In der herrschaftsvertraglichen Struktur des Verfassungssystems des Ewigen Landfriedens war eine bipolare horizontale Gewaltenbalancierung zwischen dem Kaiser und der jährlich einzuberu- fenden allgemeinen Versammlung der befriedeten Stände, dem Reichstag, angelegt, wobei beide Pole durch ein wechselseitiges Vetorecht aneinander ge- bunden waren. Mit dem Reichstag entstand ab 1470, beschleunigt seit 1495, eine hochaktive Ver- fassungsinstitution für die Reichsgesetzgebung und -Steuerbewilligung sowie die Entscheidung über Reichskriege. Zunächst fanden jährliche Ständever- sammlungen an wechselnden Orten statt, z. B. 1497 im liechtensteinnahen Lindau, was 1663 zum «im- merwährenden» Reichstag in der Reichsstadt Re- gensburg fortentwickelt wurde. Im Kontrast zum mittelalterlichen Vorläufer, dass das reisende Reichsoberhaupt Hoftage mit den je- weiligen Grossen einer aufgesuchten Region ab- hielt, also aus der Sicht der meisten Regionen mei- stens abwesend war, lag das Verdichtungspotential darin, dass der weiten Fläche die Chance eröffnet wurde, an der Zentralgewalt dauerhaft und gleich- förmig teilzuhaben. Im Gegenzug sollte sie die steu-erlichen 
Lasten der Gesamtheit mittragen. Damit wurde das aus dem Mittelalter überkommene Inte- grationsgefälle von der Hausmacht des Kaisers bis hin zu den kaiserfernen Landschaften ein gutes Stück aufgehoben. Der Reichstag folgte freilich nicht dem moder- nen egalitären bundesstaatlichen Prinzip «Glied- staat gleich Gliedstaat», sondern betonte die Diffe- renz zwischen Kurfürsten, Reichsfürsten, Reichs- grafen und Städten mit einem stark unterschiedli- chen Stimmgewicht. In den Reichsfürstenrat, die mitgliederstärkste Kurie, waren die Reichsgrafen und Reichsprälaten nur zurückgesetzt in Gestalt von sechs grossregionalen Gemeinschaftsstimmen integriert. Die Grafschaft Vaduz gehörte unter den Sulzern und Hohenemsern der schwäbischen Gra- fenkurie an. Erst dadurch, dass Kaiser Karl VI. Vaduz und Schellenberg am 23. Januar 1719 zum Reichsfür- stentum Liechtenstein erhob, stiegen dessen Für- sten ab 1723 zu Vollmitgliedern des Reichsfürsten- rates im 57. unter 63 Rängen der weltlichen Bank auf.17 Das bedeutete eine Ver-25-fachung des Stimmwertes18 und eine erhebliche reichspolitische Aufwertung. Hinter der Standeserhöhung stand die Intention des Kaisers, die ihm ergebene katholi- sche Mehrheit im Reichstag auszubauen, wozu der ehemalige Erzieher des Kaisers, Anton Florian von Liechtenstein, ein sicherlich geeigneter Kandidat war. Insofern war das Fürstentum Liechtenstein 14) Überblick mit weiteren Nachweisen bei: Marquardt (2005), S. 133. 15) Grundsätzliche Kriegsziele sind nicht nachzuweisen; Marquardt. Bernd: Staatswerdungs- und Peripherisierungsprozesse im Südwes- ten des Römisch-Deutschen Reiches (1495-1806). In: Morerod, Jean- Daniel et al. (Hrsg.): La Suisse occidentale et L Empire. Lausanne, 2004, S. 57-103, hier S. 66 ff. 16) Pütter (1799), Band 3, S. 8. 17) Press, Volker: Die Entstehung des Fürstentums Liechtenstein. In: Müller, Wolfgang (Hrsg.): Das Fürstentum Liechtenstein. Bühl, 1981, S. 63-91. hierS. 87. 18) Die Ver-25-fachung ergibt sich, wenn man die Angaben von Oestreich, Gerhard: Verfassungsgeschichte. 6. Auflage. München, 1986, S. 153 zum schwäbischen Grafenkolleg zugrunde legt. 15
        

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