NATIONALE IDENTITÄT WILFRIED MARXER IDENTITÄT: DER BEGRIFF Wenn man sich mit der Frage nach der nationalen Identität auseinandersetzt, stellt man schnell fest, dass der Begriff selbst nicht einfach zu fassen ist.1 Was genau ist nationale Identität? Welche Elemente fliessen ein? «Wie bildet sie sich heraus? Es sind verschiedene Interpretationen des Begriffs möglich. Allen gemeinsam ist zunächst, dass ein Bezug zu den Teilbegriffen des Nationalen und der Identität gegeben sein muss. Damit fangen aber bereits die Probleme an. Mit dem Begriff des Nationalen kann man die staatliche Dimension assoziieren, insbe- sondere wenn Staat und Nation gleichgesetzt wer- den. Neben territorialen, staatlichen Grenzen kann aber auch eine andere Form von Nation gemeint sein, also etwa eine ethnische Gemeinschaft. Keine geringeren Probleme stellen sich beim Begriff der Identität. Identität kann aus sich selbst heraus, aber auch in Abgrenzung zu anderen definiert sein. Da die nationale Identität offensichtlich eine Form kol- lektiver Identität darstellt, ist auch die Frage aufge- worfen, ob sich dies in der Summe der Einzelauffas- sung der angesprochenen Individuen ergibt, oder ob das Kollektiv selbst mit Identitätsattributen aus- gestattet ist. Es deutet sich hier bereits eine mögli- che Polarität an, die uns später in der Analyse wie- der begegnen wird: Einem an der Gemeinschaft ori- entierten Identitätskonzept, welches traditionali- stisch, kollektivistisch und statisch wirkt, steht ein eher dynamisches, am Individuum orientiertes Identitätskonzept gegenüber. Wir wollen uns in die- sem Beitrag auf eine Definition der nationalen Iden- tität abstützen, welche territorial gesehen die staat- liche Dimension im Auge hat, dabei aber sowohl in- dividuelle wie auch kollektive Aspekte der Identität einbezieht. Aus der Identitätsforschung weiss man, dass sich nationale Identität im Zuge der LIerausbildung der Nationalstaaten mit Schwerpunkt im 19. Jahrhun- dert - aber nicht ohne weiteres - entwickelt hat. Gstöhl schreibt zur Definitionsfrage: «Identität ist nichts Naturgegebenes, sondern etwas Hergestell- tes, ein soziales Konstrukt, welches eng mit Emotio- nen verwoben und deshalb nur schwer objektivier-bar 
ist.»2 Die Staaten setzten und setzen ein breites Repertoire ein, um so etwas wie ein nationales Be- wusstsein zu fördern. Dazu bedienten sie sich ver- schiedener Symbole, Flaggen, Wappen, National- hymnen, öffentlicher Feiern, Gedenk- und Staatsfei- ertagen und vielem mehr.3 Nationale Identität ist so- mit weitgehend ein Konstrukt. Aber wie steht es mit der liechtensteinischen Nationenbildung als Grund- lage einer staatlichen Identität aus? Amelunxen zweifelt an, dass sich in Liechten- stein eine  bilden konnte, da die Bewohner erst spät zu politischer Willensbildung und soziokul- tureller Selbständigkeit gelangten: «Das Volk von Liechtenstein ist in früheren Jahrhunderten kaum gefragt worden, ob und wie es sein Zusammenleben und seine Zukunft gestalten wollte. Die Fürsten, die das Gebiet aus der Konkursmasse verschuldeter Grafen kauften, gaben dem Land ihren Namen, nicht umgekehrt ... Die Souveränität kam ebenso ungefragt als Geschenk von aussen, gewissermas- sen durch historischen Zufall.»4 Mit Bezug auf Liechtenstein und dessen engen staatlichen Grenzen kann gefragt werden, ob über- haupt die Bedingungen für die Herausbildung einer nationalen Identität gegeben sind. 1719 wurden die vereinigten Landschaften Schellenberg und Vaduz zum Reichsfürstentum Liechtenstein erhoben. Seit 1806 ist Liechtenstein ein souveräner Staat. Retro- spektiv kann die Frage gestellt werden, ob über- haupt und gegebenenfalls in welchen Etappen, in welcher Kontinuität oder mit welchen Brüchen sich so etwas wie eine liechtensteinische nationale Iden- tität herausgebildet hat. Nachdem nun allerdings der Zenit möglichst autarker, unabhängiger, souve- räner Nationalstaaten überschritten scheint, ist noch eine weitere Perspektive nationaler Identität ange- sprochen: Fiat das Konstrukt einer nationalen Iden- 1) Ein Dank für die kritische Durchsicht des Manuskriptes geht an Dr. Rupert Quaderer. Dr. Zoltän T. Pällingor und lic. phil. Alicia Längle. 2) Gstöhl 1999. S. 1.3 3) Vgl. Grcw 1986. S. 35 ff. 4) Amelunxen 1973. S. 57-58. 199
        

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