SOUVERTAN ODER UNTERÄN? STEFAN SPRENGER rend er, der Fürst, sich über seine eigene Gesetzge- bung erhebt. Die durch keine Abwahl zu beenden- de Immunität des heutigen Fürsten und seines Stellvertreters ist unmittelbare Folge dieser herr- schaftlichen Selbsterhöhung. Mit der massiven Verzerrung politischer Höhen- linien endet 1808 eine frühe Form des Dualismus zwischen  Rechten des Volkes und Rechten des Fürsten. Souveränität ab 1806 heisst vor allem die Sou- veränität des Fürsten über ein Fürstentum als ab- soluter Machtanspruch nach innen. Johann I. zerrt das  in der Folge aus mehr oder we- niger spätmittelalterlichen und durchaus arabes- ken Rechts-, Besitz- und Bildungsverhältnissen in eine staatliche Vormoderne mit Schulpflicht und bürgerlichem Gesetzbuch. Aus dialektischer Per- spektive bietet der souveräne Durchgriff erneut ein Beispiel für die seltsam verwirbelten Fahrwasser der  von 1806: Johann I. legt die Fundamente für die Legitimation des Fürstentums als Staat im neunzehnten Jahrhundert. Ob und wie das meinen Vorfahren gelungen wäre, bleibt ge- schichtliche Mutmassung; zweifellos wäre es später geschehen und möglicherweise nicht rechtzeitig, um in heutiger Gestalt das Ende des Deutschen Bundes zu überstehen. Das Deutungs- und Strategiemonopol des Fürs- ten und seines Stellvertreters über die zukünftige Entwicklung des Staates Liechtenstein, das sich nach der Verfassungsrevision von 2003 immer deut- licher bemerkbar macht, knüpft an dieses  Johanns I. an. Es ist hingegen im frühen zwanzigsten Jahrhun- dert eindeutig die bürgerliche Seite, die den Staat sicher durch den Zusammenbruch der Donaumon- archie bringt und mit der Verfassung von 1921, dem Zoll- und Währungsvertrag mit der Schweiz und dem PGR die liechtensteinische Souveränität weiter schreibt. Das Land meiner Vorfahren ist nach Eintritt in die  weniger ein Staat als wohl eine der seltsamsten Kolonien im 19. Jahrhundert: Straff und dauerdefizitär von Wien aus geführt, oft am Rande der Auflehnung und mehrmals nur 
durch militärische Drohungen des Fürsten zum Stillhalten gebracht, liefert es seinem fernen Kolo- nialherren den berauschendsten und teuersten Aromastoff der damaligen Politik, die Souveränität, die den Fürsten zur Stellung eines ausländischen Regenten im österreichischen Kaiserreich erhebt, obwohl er gleichzeitig seiner dortigen Besitzungen wegen Grundherr unter der Souveränitätsfuchtel eben dieses Kaisers bleibt. Diese «prinzipielle Ambivalenz in der jeweiligen Person der liechtensteinischen Fürsten»4 findet ei- ne verzerrte Spiegelung in der heutigen Politik, wenn Fürst und Stellvertreter nach gusto und in einem munteren Rollenspiel sowohl als Bürger als auch als fürstliche Souveräne auftreten. Der 1806 verlorene Dualismus steckt meinen bockbeinigen Vorfahren in den Knochen: Er wird zum Fluchtpunkt ihrer politischen Bemühungen für mehr als hundert Jahre. In gewisser Weise kom- men sie erst mit der Verfassung von 1921 dort wie- der an, wo sie noch 1805 waren. Interessanterwei- se ist der Dualismus 2006 nach der Verfassungsre- vision 2003 ein Schritt hinter diese Errungenschaf- ten zurück und ist in meinen Augen als Teil eines fürstlichen Revisionsversuchs im Geiste des Abso- lutismus von 1806 zu sehen. Der 12. Juli 1806 ist also der Tag, an dem die vom Fürsten von Liechtenstein nicht und niemals unterzeichnete Rheinbundakte ein dreijähriges Kind zum Herrscher eines Fürstentums macht, dessen durch diesen Akt entrechtete und kolonialisierte Bewohner hundertfünfzehn Jahre brauchen, um sich in einem Staat, dessen Dasein ohne diese Rheinbundakte fraglich wäre, einen wenigstens halb- modernen Dualismus zu verschaffen, während der Fürst über alle Gesetze entschwebt, zum ausländi- schen Regenten in Österreich wird, dennoch Unter- tan des dortigen Kaisers bleibt, und es seinen 1) Schmidt, S. 392. 2) Ebenda. S. 396. 3) Ebenda, S. 397 f. 4) Mazohl-Wallnig, S. 21. 191
        

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