zu bewahren, genügt es nicht mehr, sich auf einen abstrakten Souveränitätsbegriff zu berufen. Es be- darf einerseits der eigenständigen Leistungen auf den Gebieten der Politik, der Kultur, der Wirtschaft und anderseits der aktiven Teilnahme am interna- tionalen Geschehen, wobei der europäischen Di- mension eine besondere Rolle zukommt. Im Folgenden soll daher das bisherige Vorgehen Liechtensteins in diesem Integrationsgeschehen be- leuchtet und einige Schlussfolgerungen daraus ge- zogen werden. DIE EU ALS RECHTSGEMEINSCHAFT Einigungswerke oder Einigungsbestrebungen hat die europäische Geschichte mehrere gekannt, vom Römischen Reich über das Heilige Römische Reich, zu Napoleon, bis zu den unglückseligen Unter- drückungsaktionen der Nationalsozialisten und der Kommunisten. Zumeist verstanden sich solche Rei- che nicht oder noch nicht als europäische, sondern waren imperiale Ausdehnungen nationaler Mächte. Oder sie erzeugten nur wenig integrative Wirkung, wie zum Beispiel das Heilige Römische Reich. Die EU ist somit der erste friedliche Zusammen- schluss mit hoher integrativer Wirkung und grosser geografischer Ausdehnung in Europa. Erstmals ha- ben eine Vielzahl von Staaten, den Kontinent über- spannend, freiwillig einen beträchtlichen Teil ihrer Souveränitätsrechte zur gemeinsamen Verwaltung an gemeinsame Institutionen abgegeben. Das Mittel dazu ist die kontinuierliche Rechtssetzung, wobei dieses Recht nicht, wie Völkerrecht, nur die Staaten bindet, sondern direkt Rechte und Pflichten für die Bürgerinnen und Bürger sowie die Wirtschaftstrei- benden schafft. Auch geht es nationalem Recht vor.8 Die Schaffungen dieses europäischen Rechtsbestan- des kann als kulturelle Leistung bezeichnet werden und hat deshalb in den 50 Jahren des Bestehens der EU auch seine Wetterfestigkeit in politisch schwieri- gen Zeiten bewiesen. Der supranationale Weg der EU zur Rechtsge- meinschaft hat sich in mehrfacher Hinsicht als Er- folg herausgestellt: Es gelang, gemeinsame Politiken 
wie die Zollunion und den gemeinsamen Aussen- handel, den Binnenmarkt, die gemeinsame Wäh- rung umzusetzen. Dies hat zu wirtschaftlichen Ver- besserungen, zur Öffnung der Grenzen und schluss- endlich zu einer europäischen Friedensordnung beigetragen. Gewonnen haben auch die Mitgliedsstaaten, ins- besondere die Kleinen, dadurch, dass sich durch ge- meinsames Auftreten ihr Gewicht auf internationa- ler Bühne verstärkte. Sie müssen zwar weitgehende Gesetzeskompetenzen an die EU abgeben, haben aber Mitentscheidungsrechte und praktische Vortei- le, wie bessere Absatzmärkte, verbilligte Wahrneh- mung von Staatsausgaben usw. Diese Erfolge der Integration haben die EU-Mit- gliedschaft weithin attraktiv gemacht und zu ihrer ständigen Ausweitung geführt. Aber auch Staaten, die nicht der EU beitreten wollen, wie die heutigen EFTA-Staaten, unter ihnen Liechtenstein, wollen an gewissen EU-Politiken teilnehmen und sich assozi- ieren. Sie nehmen es in Kauf, dass sie das EU- Rechtssystem, selbst ohne Mitentscheidung, teil- weise übernehmen müssen, um Vorteile aus der In- tegration zu gewinnen. Souveränitätspolitisch sind sie damit auf einem schmalen Pfad, der sich aber, zumindest im Fall Liechtensteins, als gewinnbrin- gend erwiesen hat. LIECHTENSTEINISCHE INTEGRATIONS- GESCHICHTE Liechtenstein hat als Kleinstaat in der einen oder anderen Weise immer in starker Auslandsabhän- gigkeit gelebt. Ja, man kann sogar sagen, es hat nie etwas anderes als Integrationslösungen gekannt: Die längste Zeit seiner Geschichte, vor seiner for- malen Unabhängigkeit 1806, gehörte es dem Heili- gen Römischen Reich an, danach dem Deutschen Bund und bald danach begann es bilaterale Ver- tragsbeziehungen, durch die es erhebliche Teile sei- ner Souveränitätsrechte zuerst an Österreich und seit 1921 an die Schweiz delegierte. Insofern war die EWR-Assoziation für Liechtenstein, anders als zum Beispiel für die Schweiz, kein radikal neuer 156
        

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