EIN «ANNEX ÖSTERREICHS» ODER EIN SOUVERÄNER STAAT? / RUPERT QUADER ER Prinz Eduard versuchte auch den schweizeri- schen ausserordentlichen Gesandten in Wien, Char- les Bourcart, für die liechtensteinische Sache zu ge- winnen. Prinz Eduard hatte diesem das «Fürsten- tum seines Onkels» wärmstens empfohlen. Er stell- te gegenüber Bourcart das Weiterbestehen Liech- tensteins und die Rettung der grossen Besitzungen des Fürsten in Österreich, Ungarn und vor allem in der Tschechoslowakei als eine Garantie gegen den Bolschewismus dar.29 Bourcart nahm diesen Ge- danken auf und meinte, dass das immense Vermö- gen Fürst Johanns II. wirklich eine seriöse Hilfe für die gute Sache sein könne.30 Auch in weiteren ver- traulichen Stellungnahmen an das Eidgenössische Politische Departement setzte sich Bourcart für die Anliegen Liechtensteins ein. Er bezeichnete Prinz Eduard als «mehr oder weniger Minister des Aeus- sern seines Onkels».31 Er betonte in zwei weiteren Berichten an den Bundesrat, dass «dem Fürsten und seiner Familie» viel an der Souveränität gele- gen sei, «weil die grossen Güter, die der Fürst na- mentlich in Böhmen» besitze, ihm eher belassen würden, «wenn er ein fremder Monarch» sei.32 Wenn der Fürst hingegen als ein «aristokratischer und zudem als ein österreichischer Grossgrundbe- sitzer wie ein anderer» angesehen würde, bestehe die Gefahr, dass sein Besitz enteignet und verteilt würde. Im Juni 1919 teilte der Zentraldirektor der fürst- hch-liechtensteinischen Hofkanzlei der Regierung in Vaduz mit, dass das tschechoslowakische Acker- bauministerium darum nachgesucht habe, eine Zu- sammenstellung über die Art der Erwerbung des fürstlichen Besitzes in der Tschechoslowakei vor- zulegen.33 Die Hofkanzlei vermutete, dass eine sol- che Aufstellung dem tschechoslowakischen Acker- bauministerium als Entscheidungshilfe dafür die- nen sollte, für welche Güter die Tschechoslowakei bei einer allfälligen Enteignung eine Entschädigung zu bezahlen hätte und welche Güter entschädi- gungslos konfisziert würden. Der Archivar des Liechtensteinischen Hausarchivs, Franz Wilhelm, erstellte im Juni 1919 eine «Erwerbungsgeschichte der fürstlich Liechtenstein'sehen Herrschaften und Güter im Gebiete des cechoslovakischen Staates».34 
Gemäss dieser Aufstellung bestand der Güterbesitz des Hauses Liechtenstein in der Tschechoslowakei im Jahr 1919 aus 24 Herrschaften. Die Gesamtflä- che dieser Besitzungen machte insgesamt 160 000 Hektar aus, davon waren 124 000 Hektar Forst- wirtschaft und 36 000 Hektar Landwirtschaft.35 Liechtenstein bemühte sich weiterhin, auf ver- schiedenen Wegen seine Interessen durchzusetzen. Neben Vorstössen bei den Grossmächten und di- rekten Verhandlungen mit der Tschechoslowakei setzte man auch auf die besonderen Dienste der Schweiz und hoffte, aufgrund von deren hohem internationalem Ansehen Erfolge erzielen zu kön- nen. In diesem Sinne erstellte Emil Beck im Febru- 23) Ebenda, S. 100. Zusätzlich: Hoensch, Tschechoslowakei. S. 42. 24) Toichova, Wirtschaftsgeschichte, S. 31. 25) Benes, Tschechoslowakische Demokratie, S. 100, Anmerkung 127. 26J Ebenda, S. 101. 27) Siehe dazu grundsätzlich Dallabona, Bodenreform, Wien 1978. 28) LLA Gesandtschaftsakten Bern. V2/170/5, 6. März 1919; Prinz Eduard an Emil Beck. 29) LLA. Mikrofilm Bundesarchiv Bern: 2001(B)/2. Schachtel 1, 23. Mai 1919, Bourcart an Charles Lardy, Minister in der Abteilung für Auswärtiges, Bern. «Prince Edouard ... m'a chaudement recom- mando la prineipaute de son onclo. 11 considere son mainticn - et le sauvetage des grandes proprictes du prince en Autriche, en Hongrie et notamment en Tcheco-Slovaquie - comme une garantie contre le bolchevismo.» 30) «La fortune immense de S.A.S. Jean II peut, en effet. etre un serieux soutien pour la bonne cause.» 31) LLA Mikrofilm Bundesarchiv Bern. 2001 (B)/2, Schachtel 11, 4. November 1919; Bourcart an Eidgenössisches Politisches Departe- ment. 32) LLA Mikrofilm Bundesarchiv Bern. 2001 (ß)/2. Schachtel 11. 10. Dezember 1919; Bourcart an Eidgenössisches Politisches Depar- tement. 33) Hausarchiv der Regierenden Fürsten von Liechtenstein/Wien. Karton 16161-1, 21. Juni 1919; fürstlich-liechtensteinische Hofkanzlei an Regierung in Vaduz. 34) Hausarchiv der Regierenden Fürsten von Liechtenstein/Wien, Karton 1616H, N° 7113, 25. Juni 1919. 35) Bundesarchiv Bern 2001 (E)/l969/262, Schachtel 59; Memoran- dum betreffend Enteignung, von Emil Beck am 12. November 1924 dem Schweizerischen Bundesrat überreicht. 117
        

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