DIE ERSTEN BEKANNTEN HEXEN MANFRED TSCHAIKNER DIE HEXENPROZESSE DES FRÜHJAHRS 1648 Im Juni 1648 erfuhren Bürgermeister und Stadtrat von Chur, dass eine in Vaduz als Hexe inhaftierte Frau namens Ursula Straubin, die in der Bischofs- stadt beim Domdekan in Diensten gestanden war, bei den Verhören Angaben mit Bezug auf Graubün- den zu Protokoll gegeben hatte. Sie erbaten vom Va- duzer Landvogt deshalb nähere Auskünfte. Dieser sandte ihnen am 21. Juni einen Brief folgenden Wortlauts: Hochgeachte, woledle, gestrenge, vest, fürsichtig wind weyse, großg.fnädige], hochgeehrte unnd. nach- paren, ew[erj gestr[eng] v[est] unnd wfeise] seyen meine auch nachparlich unnd guetwillige dienst sambt was ich mehr liebs undguetß vermag, zuevor. Auf ewferjgestr[eng] v[est] und wfeise] heut dato zue recht eingeliffertem schreiben füege ich ihnen andtworttlichen zuevernemmen, nicht ohne zue- sein, daß Ursula Straubin, so bey herren thumbde- chanten zue Chur in diensten gewesen, sambt ihrer Schwester Thrina Straubin neben anderen mehr verdächtigen hexenpersohnen alhier gefänglich eingezogen unnd besagte Ursula, güetlich und pein- lich bekhendt, daß selbige neben anderen bösen weibern (deren sye vill bey dem im Afna gehaltnem nächtlichem dantz gesechen aber nit gekhent) vor 2 oder 3 jähren im Oberlandt ainen hagel machen helffen, welcher den erdfruchten grosen schaden zuegefüegt habe. Weiters unnd mehrers hat sie von Chur oder dem Oberlandt nit aussgesagt. Welches ew[er] gestrfeng] vfest] und wfeise] ich dienst nachparlich nicht verhalten sollen unnd ver- pleib denselben sonsten neben göttlicher protec- tion alle angenemme dienst, freündt unnd nachpar- schafft zue erweysen jederzeit vorderist bera.it. Da- tum, schloß Vadutz den 21 juny afnn]o '1648. ew[er]gestrfeng] v[est] und. wfeise] dienst und freiindtwilliger nachpar Jakob Sandholzer von und zuo Zunderberg, rit- te?; landvogt.22 
Aus dem Schreiben geht hervor, dass in Vaduz im Frühjahr 1648 mehrere «verdächtige Hexenperso- nen» vor Gericht standen, zu denen auch die beiden Schwestern Katharina und Ursula Straubin zählten. Letztere hatte im Verlauf der Verhöre gestanden, dass sie und zahlreiche «böse Weiber», die ihr un- bekannt gewesen seien, vor zwei oder drei Jahren bei einem Hexentanz «im Afna» einen Hagel erzeugt hätten, der im Bündner Oberland grossen Schaden an den Feldfrüchten verursacht habe. Andere Anga- ben mit Bezug auf Graubünden, schrieb der Land- vogt, lägen nicht vor. Beim erwähnten Hexentanz- platz dürfte die heute «Ofenegga», um 1789 aber «Rofenacker» genannte Örtlichkeit23 gemeint gewe- sen sein. Dieser Hang liegt bei Steg südlich der Mün- dung des Malbunertals ins Saminatal. Dass die beiden Straubinnen zu den zahlreichen Todesopfern der Vaduzer Hexenjagden um die Jahr- hundertmitte zählten, dürfte ausser Frage stehen. 17J Ebenda, S. 372-373. 18) Zur Begrifflichkeit vgl. Manfred Tschaikner: Zauberei- und He- xenprozesso der Stadt St. Gallen. Unter Mitarbeit von Ursula Hasler und Ernst Ziegler. Konstanz. 2003. S. 22-24. 19) Tschaikner, Vaduzer Hexenprozesse (wie Anm. 1). S. 149-150. 20) Stadtarchiv Chur. 1600. diverse Akten (13. September 1600). 21) Burmeister (wie Anm. 3). S. 174. 22) Stadtarchiv Chur. A H/1. 11 ./21. Juni 1648: vgl. auch Ursus Bru- nold: Quellen zur Liechtensteiner Geschichte in Bündner Archiven. In: Historiographie im Fürstentum Liechtenstein. Grundlagen und Stand der Forschung im Überblick. Hrsg. v. Arthur Brunhart. Zürich. 1996. S. 67-82. hier S. 77. 23) Hans Stricker, Toni Banzer. Herbert Milbe: Liechtensteiner Na- menbuch. Die Orts- und Flurnamen des Fürstentums Liechtenstein. Bd. 2. Die Namen der Gemeinden Triesenberg. Vaduz. Schaan. Va- duz. 1999, S. 163. 77
        

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