DIE LIECHTENSTEINISCHE LANDESHYMNE JOSEF FROMMELT AUSEINANDERSETZUNG UM EINE ZEITUNGSGLOSSE Die Presse im Ausland schenkte der Abänderung des Hymnentextes viel Aufmerksamkeit. Die mei- sten Zeitungen brachten die Nachricht als nüchter- ne Mitteilung. Einige Journalisten konnten es je- doch nicht unterlassen, ihren Artikel mit spötti- schen oder gar bissigen Kommentaren zu verse- hen. Ein Schreiber tat sich in den «Vorarlberger Nachrichten» vom 22. Dezember 1963 besonders hervor und schrieb die nachfolgende Glosse, wel- che in Liechtenstein die Gemüter erregte: «Liechtenstein, am jungen Rhein. 97 Jahre nach dem Austritt aus dem (Deutschen Bund> und 18 Jahre nach dem Sturz des Dritten Reiches, hat das Fürstentum Liechtenstein das Wörtchen  aus der Landeshymne gestri- chen, ein Ereignis, das uns an die (Unterrichtsspra- che} in Österreich erinnert, die nach dem Krieg ein- geführt wurde und von Spöttern (Hurdistanisch> ge- nannt wurde. Das Parlament der (Hilfseidgenossen> will nun nicht mehr (oben am deutschen Rheim son- dern nur noch (oben am jungen Rheim sich anleh- nen, und aus dem (deutschen Vaterland> in Strophe zwei wurde äusserst sinnig (das teure Vaterland>. Das ist das gute Recht der Liechtensteiner, nicht mehr (deutsch sein zu wollen; aber irgendwo ist auch diese Auffassung schon wieder überholt, denn mit der Lösung vieler politischer Verkrampfungen hat sich doch herausgestellt, dass die deutsche Kul- tur so alt und gut ist, dass man das Wörtchen (Deutsch doch nicht gern nur einer verflossenen Epoche und einem gewalttätigen Regime überlässt, das es missbraucht hat. Man kann jetzt gespannt zusehen, ob die Liechtensteiner in Zukunft auch keine (DM> (Deutsche Mark) mehr als Zahlungsmit- tel annehmen und in ihrem Fremdenverkehr nur mehr von M sprechen.» Postwendend erschienen im «Liechtensteiner Volks- blatt» sowie in den «Neuen Zürcher Nachrichten» Artikel, die diese Glosse zerpflückten und zurück- wiesen. Das «Volksblatt» hielt fest, der Beitrag in 
den «Vorarlberger Nachrichten» wäre zu ignorie- ren gewesen, hätte «sich nicht eine liechtensteini- sche Zeitung dazu hergegeben, diese verfehlte Spöttelei kommentarlos zu publizieren».43 Die «Neu- en Zürcher Nachrichten» setzten über ihren Bei- trag den treffenden Titel «Nachbarliche Anöderei» und führten weiter aus: «... Es ist schwer einzusehen, was am Beschluss der Liechtensteiner auszusetzen ist. Die Bezeich- nung (deutsch hat sich eben gewandelt, zumindest verengt. Was vor hundert Jahren noch vorwiegend aufs Kulturelle oder auf die weiten geographischen Dimensionen des damaligen deutschen Bundes be- zogen wurde, ist gar zu sehr zum Wort für reichs- deutsch, resp. bundesdeutsch geworden. Wir in der Schweiz haben seinerzeit unliebsamen politischen Gedankenassoziationen vorgebeugt, indem wir uns angewöhnten, von deutschsprachiger Schweiz statt von deutscher zu reden ... Die Liechtensteiner zie- hen jetzt nach. Dass sich gerade ein Vorarlberger Organ zum Anwalt verletzten Deutschtums aufwarf, ist merkwürdig, um nicht mehr zu sagen.»44 Eine offizielle Reaktion aus Vaduz erfolgte am 27. Dezember 1963. Die Presse- und Informationsstelle der Fürstlichen Regierung schickte der Redaktion der «Vorarlberger Nachrichten» ein entsprechen- des Schreiben, aus dem nachfolgend zitiert sei: «... Vorerst möchten wir uns in aller Form gegen die Bezeichnung unseres Parlaments als (Hilfseid- genossem verwahren. Der Schreiber dieser Zeilen scheint in Bezug auf Takt und. Höflichkeit etwas unterentwickelt zu sein. Zu den weiteren Ausführungen ist zu sagen, dass Liechtenstein als souveräner Staat wohl von sich aus entscheiden kann, ob eine Änderung sei- 41) Brief von Lehrer Alfons Kranz an Landesbibliothekar Robert Allgäuer. datiert vom 24. Oktober 1963. 42) Protokoll der Landtagssitzung vom 18. Dezember 1963. 43) LVolksblatt. 28. Dezember 1963. - Der die Gemüter erregende Artikel aus Bregenz war im LVaterland vom 24. Dezember 1963 abgedruckt worden. 44) «Neue Zürcher Nachrichten». 28. Dezember 1963. 47
        

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