ZENSUR IM GEBIET DES HEUTIGEN FÜRSTENTUMS LIECHTENSTEIN / WILFRIED MARXER der Bauernkriege als Versuch des «Schweiz-Wer- dens». Er zieht eine Linie von den Widerstandsak- tionen der Appenzeller Bauern gegen die Kloster- herrschaft St. Gallen, welche 1405 zu einem erfolg- reichen Bündnis des Landes Appenzell mit der Reichsstadt St. Gallen gegen Unterwerfungsversu- che des schwäbischen Adels führte, bis zum späte- ren Bauernaufruhr.36 Diesem «Bund ob dem See» schloss sich rasch auch die Landschaft Schellen- berg an. Burgen wurden als Sitze der «Zwingherr- schaft» zerstört, unter anderem wahrscheinlich auch die obere Burg Schellenberg.37 1407/08 wur- de der Bund jedoch besiegt und zerfiel.3* In der Zeit der Bauernkriege ist für die Land- schaften Vaduz und Schellenberg ein «peurischer Aufruhr» im Jahr 1525 belegt. Dies geht einerseits aus einem zwölf Jahre später (1537) datierten Ur- fehdebrief des Georg Pergant, inzwischen Landam- mann von Vaduz, hervor, in welchem er sich zum Aufruhr bekannte.39 Seger und Kaiser erwähnen für das Jahr 1525 einen Brief der Innsbrucker Re- gierung an Ulrich von Landegg, Llubmeister und Untervogt in Feldkirch, in welchem steht, dass die Untertanen zu Vaduz «nicht allein Ungehorsam und Widerwärtigkeit bewiesen, sondern unterein- ander Pündtnussen gemacht und zueinander ge- schworen haben.»40 An anderer Stelle wertet Seger diesen Aufruhr als «ernsthafte Angelegenheit», da sich sogar der Kaiser eingeschaltete habe und ein Abgesandter die Ruhe wieder hergestellt habe.41 Durch die friedliche Konfliktbeilegung sind die Bauern vermutlich dem Schicksal der Bauern im klettgauischen LIerrschaftsgebiet des Grafen Rudolf von Sulz entgangen, der sich an den Aufständi- schen grausam rächte und die Bezeichnung «Bau- ernbesieger» davontrug.42 Mit den Bauernaufständen einher ging auch die Verbreitung der protestantischen Lehre. Sie fand 26) Vgl. Jones 2001, S. 1147 sowie S. 1150-1 155. Das von R Albert Drexel von 1943 bis vermutlich Anfang der 1950or Jahren in Schaan herausgegebene «5=Rappenblatl - Wochenschrift für Recht und Wahrheit» etwa erschien gemäss Impressum «mit bischöflicher Druckerlaubnis». Vgl. Eintrag im Historischen Lexikon für das Fürs- tentum Liechtenstein (in Vorbereitung). 
27) Vgl. Wüst 1998, S. 14: Fi tos 2000. S. 30: Jones 2001, S. 1154 f. sowie S. 1188. 28) Jones 2001. S. 1155. 29) Bereits um 1200 erschienen die ersten romanischen Übersetzun- gen der Bibel, ausgehend insbesondere von den Waldensern. Es folgten in den folgenden Jahrhunderten weitere Übersetzungen in mehreren europäischen Sprachen. Die katholische Kirche ging gegen diese Popularisierung der Bibel und Untergrabung der kirchlichen Autorität energisch vor. Vgl. Jones 2001, S. 229-231 sowie S. 513- 526. 30) Nach Kaiser 1989. S. 353 verbreitete sich die Lehre Zwingiis in der Nachbarschaft des nachmaligen Liechtenstein. 3t) Zensur zum Schulz der offiziellen katholischen Lehrmeinung wird bis in die Gegenwart ausgeübt. Ein Beispiel unter anderen ist die Entlassung von Hans Küng aus der katholischen Fakultät Tübin- gen und der Entzug der Lehrerlaubnis im Jahr 1979 aufgrund seiner kirchenkritischen Schriften. Vgl. Jones 2001, S. 1367-1368. 32J Vgl. Ausführungen von Rheinberger 2001, S. 22. Original bei Bü- chel 1922, S. 41. 33) Kaiser 1989. S. 355. «Vorzüglich verhasst» waren im Volk nach Kaiser «die Kleinzchnten. die Frohnden. die Plackereien der vielen Land-. Hof- und geistlichen Gerichte und die vielen Feudalabgaben, ungeachtet die Leibeigenschaft nicht mehr der Sache nach, sondern nur dem Namen nach bestand» (Kaiser 1989, S. 356). 34) Der Schwäbische Bund war eine Vereinigung von Gebieten und Reichsstädten von Tirol bis Württemberg, die sich gegen die Expan- sionsgolüste der kaiserlichen Zentralgewalt und Bayerns bildete. Vgl. mit Lokalbezug Goop 1999: Niederstättor 1999. 35) Vgl. Goop 1999. 36) Kindle 1983. S. 22. 37) In neuer Zeit wird die als  bekannte Burg als , die als  bekannte, gegen Ruggell hin gelegene Burg als  bezeichnet, da  eigentlich die ältere Burg ist. Vgl. ausführlich zu den Begriffsverän- derungen Goop 2005. S. 6-8. 38) Vgl. auch Stievermann 1988. S. 101 f.. der in clor Auseinander- setzung ein «grosses Ringen zwischen herrschaftlichem und genos- senschaftlichem Prinzip mit überregionaler Ausstrahlung» sieht. 39) Jörg Pargandt (Jergen Parganton; Georg Pergant) von Balzers galt 1525 als Anführer der Bauern von Vaduz und Eschnerborg. Er wurde später Landammann von Vaduz. Er gab seine Tochter verbo- tenerweise einem Maienfelder Protostanten zur Frau, was eine wei- tere Ungeheuerlichkeit darstellte. Dafür wurde er drei Tage einge- sperrt, gegen einen Urfohdobrief (1537) aber wieder freigelassen. Vgl. Kaiser 1989. S. 359; Soger 1967. S. 73; Brunhart 1989. S. 392 f Anm. 59. 40) Seger 1967, S. 72: Kaiser 1989, S. 356 f.; Brunhart 1989, S. 3921'., Anm. 59. 41) Seger 1960, S. 45. 42) Vgl. Kaiser 1989. S. 356: Soger 1960, S. 44; Kindle 1983. S. 22. 145
        

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