ZUR ERSTVERÖFFENTLICHUNG DES ROSENBAUM- PLÄDOYERS / WLADIMIR ROSENBAUM der die Welt kennt und Ansehen und Ruf genoss. Welches waren seine Motive? Gesinnungslosigkeit und charakterloser Opportunismus. Was er wollte, war ganz einfach, sich beim /^nationalsozialisti- schen Kurse eine gute Note zu verschaffen und den Anschluss nicht zu versäumen. Hatte er wohl - er, der Synagogenbauer - Angst, dass man ihm Juden- freundlichkeit vorwerfen werde? Er, der aus dem Gelde liechtenstein'scher Neubürger für seine Vadu- zer Bauten honoriert wird, macht plötzlich in Pa- triotismus. Röckle hat als Synagogenbauer Gelegenheit ge- habt, sich mit dem jüdischen Kult näher zu befassen und Juden aller Schichten kennen zu lernen. Er ist nicht ein Irregeleiteter, ein Verführter, ein Unwis- sender. Er weiss, dass die Juden wertvolle Men- schen sind, nicht besser, aber auch nicht schlechter als alle Andern. Und er hat gehandelt wider besse- res Wissen. Sein verbrecherischer Wille war der be- wussteste. Alle vier Angeklagten haben böswillig und mit Arglist gehandelt, das wird ernstlich nicht bestritten werden können. Herr Präsident, meine Herren Richter! Ein jeder von uns Menschen trägt in sich nicht nur Schönes und Edles. In einem Jeden von uns schlummert auch die Bestie. Moral und Sitte, Religi- on und Vernunft haben uns gelehrt, diese Bestie in uns zu zähmen. Wem Moral und Sitte, wem Religion und Vernunft keinen genügenden Halt bieten, dem weist das Gesetz die Schranke. Und wer diese Schranke durchbricht, ist der Rechtsbrecher, dem zum Schutze gegen sich selbst und zum Schutze der Ge-/61 Seilschaft gegen ihn das Gesetz Strafe zu- weist. Diese Strafe auszusprechen und zu bemessen und so mit den unvollkommenen Mitteln unserer ir- dischen Gerechtigkeit ein höheres Gebot zu befol- gen, ist der Richter, der verantwortliche Vertreter der Volksgemeinschaft und der Verwirklicher des Rechtsgedankens, ohne den wir nicht leben können, berufen. Die Aufgabe des Richters ist das höchste Amt, das wir Menschen zu vergeben haben. Der Richter ist der Vollstrecker des Prinzips der Gerechtigkeit, 
ohne die, wie Kant einmal gesagt hat, es keinen Sinn mehr hat, dass Menschen auf Erden leben. Fiat justitia! VI. Und nun ganz kurz zu den einzelnen Positionen und zum Quantitativ der geltend gemachten Forderun- gen: Ich habe, Herr Präsident, meine Herren, Ihre Geduld lange in Anspruch genommen. Ich muss Sie nur noch wenige Minuten um Ihre Aufmerksamkeit bitten./^ Auch bei den Forderungen, welche die Privatbe- teiligten stellen, werden sich dieselben - wie Sie se- hen werden - eine äusserste Zurückhaltung auferle- gen. Ich beantrage Ihnen, die Angeklagten gestützt auf die §§ 1302, 1325, 1327 und 1324 a.b.G.B. so- wie Art. 39 und 40 L.Z.G.B, als Gesamtschuldner zu verurteilen und zu bezahlen 1. ) an Fritz Schaie-Rotter den Betrag von Schw. Fr. 
1482.- 2. ) an Fräulein Luzie Schaie den Betrag von Schw. Fr. 2434.95 3. ) an Herrn Fritz Schaie-Rotter ein Schmerzens- geld von Schw. Fr. 3000.- 4. ) einen vom Gericht festzusetzenden Betrag als Genugtuung und zwar zur Hälfte an die Regie- rung des Fürstentums Liechtenstein zwecks Ver- wendung für wohltätige Zwecke und zur andern Hälfte an den schweizerischen israelitischen Ge- meindebund zwecks Verwendung zu Gunsten jü- discher deutscher Flüchtlinge 5. ) die gesamten Kosten der Privatbeteiligten einschliesslich ihrer Rechtsvertretung zu tragen. Die Begründung dieser Ansprüche kann ich kurz fassen. Die in den Anträgen zu 1 und 2 genannten Summen stellen nur die tatsächlich entstandenen und bezahlten Kosten der Privatbeteiligten für Ber- gung, Aufbewahrung und Verbrennung der Lei- chen, für durch die Verletzung des überlebenden Herrn Rotter entstandene Arzt- und Apotheker-/^ko- sten, dar, ferner die Reise- und Aufenthaltskosten 93
        

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