«kenne den Fall Rotter gut»? Glauben Sie, Ange- klagter Röckle, immer noch, es sei ihre Aufgabe ge- wesen, einen «Schandfleck der Nachkriegszeit ge- bührend zu treffen»? Ein auch Ihnen gewiss unverdächtiger Zeuge ist die deutschnationale und antisemitische «Nacht- ausgabe» des «Tag» in Berlin: diese Zeitung schreibt, als die unglaubliche Hetze gegen die Rotters schon in vollem Gange ist: «Es wäre ein Unrecht gegen den fanatischen Ide- alismus, mit dem die Rotter ihre Theater führten und Premieren inscenierten, wollte man aus ihrer gegenwärtigen Situation eine Anklage gegen sie for- mulieren ... Auch den Rotters darf man noch keinen Schlusspunkt für ihre Tätigkeit setzen; sie büssen heute für ihren Optimismus, aber ihr Schicksal ver- trägt schon eine Sanierung und eine Wiederkehr». Diese Wiederkehr, meine Herren Angeklagten, haben Sie ein für allemal zerschlagen. Und nun lassen Sie mich noch einige Worte nicht über die Theaterleute, sondern über die Menschen Rotter sagen. Die Eheleute Alfred und Gertrud Rot- ter 
waren I47einander in zärtlicher Liebe zugetan. Sie lebten nur füreinander. In ihrer fünfzehnjähri- gen Ehe waren sie - sicherlich ein einzigartiger Fall - nur zwei Tage nicht beisammen, sonst immer un- zertrennlich. Während sonst in Theaterkreisen die Ehen vielfach nicht allzu dauerhaft zu sein pflegen, war die Verbundenheit dieser beiden in der Theateratmosphäre lebenden Menschen eine un- lösbare. Und so sind sie auch miteinander dahinge- gangen! Und der Dritte, Fritz Rotter! Wie war er geartet? Auch er ein liebevoller Mensch, von Kindesbeinen an hilfsbereit und gütig zu jedermann; und so ist er geblieben bis zum heutigen Tage. Eine der Zeitun- gen, das «Neue Wiener Journal» schreibt nach dem Zusammenbruch: «Was Fritz Rotter ohne Aufsehen und Aufhebens für manchen verarmten Wiener Künstler getan hat, sei hier bloss gestreift, nicht näher ausgeführt. Er würde es leugnen, wenn er ge- fragt würde». Mit seinem Bruder Alfred vollends war er seit den Tagen der Kindheit in engster Liebe verbunden, die durch gemeinsame Interessen und Arbeit im Ver-laufe 
ihres ganzen Lebens immer nur vertieft und gefestigt wurde. Nun will ich Ihnen noch ein weiteres und sicher- lich auch in Ihren Augen vollwertiges Zeugnis über die Familie Rotter beibringen - einen Brief, den der frühere englische Botschafter in Berlin, Lord d'Abernon, ein bedeutender Staatsmann, nach dem Zusammenbruch, in voller Kenntnis der gegen die Rotters erhobenen Vorwürfe an mich geschrieben hat. Die Übersetzung des Originalbriefes, den ich Ih- nen übergebe, 
lautet: l4S «An Herrn W. Rosenbaum. 20 St. James's Place SW 16. Mai 1933 Mein Herr! Ich bin froh über die Gelegenheit, meine Ansicht über die Familie Rotter bekunden zu können. Ich kannte sie während mehrerer Jahre in Berlin, und habe nach meinem Fortgange von Berlin, die freundschaftlichen Beziehungen mit ihnen aufrecht- erhalten. Ich hatte die höchste Meinung von ihrem ehrenhaften Charakter und ihrem Interesse an der kulturellen Entwicklung. Die Ihnen vorgeworfenen Verfehlungen des Be- trugs und der Ausbeutung, von denen ich in der Presse gelesen habe, halte ich für böswillige Ver- leumdungen. Ich halte die Familie Rotter irgend ei- ner unehrenhaften Handlung für völlig unfähig. Ich hoffe, dass der Prozess, in dem Sie tätig sein werden, in der völligen Rechtfertigung des Charak- ters meiner Freunde gipfeln wird. Ihr sehr ergebener gez. d'Abernon». Die ehrende Beurteilung, die durch diesen Brief den drei Geschwistern Rotter von seiten eines wirklich ausserordentlichen Menschen zuteil geworden ist, hat ihre einzigartige Bestätigung nach dem Überfall gefunden. Fritz Rotter, dieser Mann, dem das Liebste auf Er- den: Bruder und dessen Frau entrissen und frevent- lich ums Leben gebracht sind, bricht auf die Nach- richt von ihrem erschütternden Ende, wie Ihnen Herr Kollege Dr. Marxer bestätigen wird, in die Wor- te aus: «Die armen verführten jungen Menschen ...». 88
        

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