Selbst in Anbetracht der schwierigen Verwert- barkeit der Aktiven, sowie der sinkenden Konjunk- tur, konnte von einer schweren Gefährdung des Konzerns gar keine Rede sein, was sich schon dar- aus ergibt, dass noch in der Zeit von Juli bis Mitte Dezember 1932 auf einen Mietrückstand beim Me- tropoltheater der recht wesentliche Betrag von M. 138 000.- abbezahlt werden konnte. Der Zusam- menbruch wäre nicht erfolgt, wenn er nicht frevent- lich herbeigeführt worden wäre. So wird uns auch die sonst unbegreifliche Tatsa-/"che klar, warum das preussische Gericht bis zum heutigen Tage kei- nerlei Auslieferungs- oder Strafübernahme-Begeh- ren an das Fürstentum Liechtenstein gerichtet hat, einfach wegen des offenkundigen Mangels einer zu- reichenden Begründung für die behaupteten Straf- taten. Nun zu der Persönlichkeit der Geschädigten. Wer waren Alfred, Gertrud und Fritz Rotter? Eine schwere Schuld dieser drei Leute ist aller- dings nicht abzuleugnen, sondern von vorneherein herauszustellen: sie waren Juden! Und deshalb wa- ren sie für die grosse Masse ohne weiteres gerichtet! Eine Zwischenbemerkung, meine Herren, kann ich an dieser Stelle nicht unterdrücken - eine Frage: wie vereinigen eigentlich all diese Antisemiten, die täglich den lieben Gott und Christus vor aller Öffent- lichkeit im Munde führen, ihre Hassgesänge und -Handlungen gegen die Juden mit den Geboten der Heiligen Schrift, die auf jeder Seite das Gesetz un- eingeschränkter Nächstenliebe lehrt? Wie rechtfer- tigt man gerade in dem zu % protestantischen Deutschland die Judenverfolgungen, wo doch der grosse Reformator der protestantischen Kirche, Lu- ther, sich mehrfach in der sympathischsten Weise über die Juden äussert. So sagt er einmal: «Wir ha- ben das Volk der Juden lieb, es hat fürtreffliche Männer gehabt». - Und ein anderes 
Mal: /32«Es sind aber die Juden des Geblütes halber die Edelsten auf Erden, und so man eine edle Geburt malen wollte, so müsste man die Juden nehmen.» Und dennoch - trotz solcher Lehren - dieser fa- natische Judenhass von Leuten, die ihr Christentum immer so ostentativ betonen? Einer der vielen un- lösbaren Widersprüche des Nationalismus! 
Doch kehren wir zurück zu den Rotters, um zu se- hen, ob sie, ausser ihrem Judentum, noch eine Schuld trifft. Fritz und Alfred sind in Leipzig als Söhne eines angesehenen und wohlhabenden Grosskaufmanns und Fabrikanten geboren. Die Familie hat in Deutschland eine ganze Anzahl wertvoller Männer gehabt. Schon ein Urgrossvater war trotz jüdischer Konfession Bürgermeister einer westdeutschen Ge- meinde, ein Grossonkel hat den Krieg 1870 als Stabsarzt bei der Truppe mitgemacht und das eiser- ne Kreuz erworben. Die Brüder selbst haben in Ber- lin das Sophiengymnasium besucht, dort ihr Reife- zeugnis erworben, die Rechte studiert und das erste juristische Staatsexamen abgelegt. Danach sind sie als Gerichtsreferendare in preussischen Staats- dienst getreten. Vergleichen Sie demgegenüber, was der Angeklagte Röckle in seiner dem Gericht einge- reichten Sachdarstellung vom 6. April 1933 sagt: «Diese Herren, die aus Polen stammen, mögen dorthin 
zurückkehren». I33 Und die öffentliche Meinung, diesmal vertreten durch eine schweizerische Zeitung, nennt die Rotter eine «Gaunersippe östlichen Ursprungs von der Art der Barmats und Sklareks». Auch hier wieder eine Zwischenbemerkung. Ich möchte wissen, warum eigentlich die Menschen, die aus dem Osten stammen, minderwertig und nur die Leute westlicher Provenienz wertvoll sein sollen. In Polen hat die längste Zeit der bürgerliche Mittel- stand fast völlig gefehlt - eine Lücke, die von den Ju- den zum Nutzen des polnischen Gebietes durchaus ehrbar ausgefüllt worden ist. Dass es auch unter diesen unerfreuliche Elemente gegeben hat, ist eine Binsenwahrheit; wo gäbe es eine breite Schicht zahlreicher Menschen, unter denen sich nicht auch da und dort einmal Schädlinge zeigten. Ausserdem ist hervorzuheben, dass diese sogenannten Ostju- den ursprünglich aus dem Westen, und zwar vor- nehmlich aus Deutschland stammen. Im übrigen scheint es mir, dass das offizielle «neue Deutsch- land» auch insofern erwacht wäre, als es nunmehr die Ostjuden und unter diesen besonders die polni- schen Juden mit zärtlicher Liebe umfängt. Während die deutschen, zum Teil seit Jahrhunderten in 82
        

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