ZUR ERSTVERÖFFENTLICHUNG DES ROSENBAUM- PLÄDOYERS / WLADIMIR ROSENBAUM Augen zu führen, um ihr die Irrwege blitzartig zu er- hellen - so gestaltet ist, dass vier europäische Län- der, Liechtenstein, Österreich, Deutschland und die Schweiz, hineingezogen und zu eingehender Be- trachtung gezwungen sind. Ein wirklich einzigarti- ger Fall! Was liegt vor? Die Angeklagten haben sich zusammen getan, um Menschenraub im Sinne des § 90 des öster- reichischen Strafgesetzbuches zu begehen; dabei wollten sie nicht nur in die Rechtssphäre der von ih- nen verfolgten Menschen unbefugt eingreifen, wo- mit eine Gefährdung von deren Leben - wie der Er- folg gezeigt hat - verbunden war, sondern auch die Landeshoheitsrechte der genannten vier Länder aufs Schwerste verletzen. Dabei sind zwei Menschen in erschütternder Weise, gehetzt wie wilde Tiere, ums Leben gekom- men, während der dritte, der wie durch ein Wunder dem Tode entgangen ist, dem denkbar schrecklich- sten Lose ausgeliefert ist - «unstet und flüchtig», wie es in der Bibel heisst, in der Welt herumirrt, aus der ihm auf Grund der über ihn geflissentlich verbreite- ten Gerüchte allenthalben wilder /nHass, ja Mord- gier entgegenspringt. Und das alles - seien wir offen: nicht wegen einer Straftat, deren der Verfolgte und Gehetzte im übri- gen wohlgemerkt nur angeschuldigt, keineswegs überführt ist - wie Unzählige gibt es in allen Län- dern, die sich tatsächlich so oder ungleich schlim- mer vergangen haben, ohne dass die Öffentlichkeit von ihnen besondere Notiz nähme - sondern weil er Jude ist! Flerr Präsident, meine Herren Richter! Jetzt, gleich zu Beginn meiner Ausführungen, will ich die Kernfrage dieses Prozesses, vieler Länder, dieser Zeit, mit aller Offenheit anpacken: den Judenhass. Ich stehe hier vor Ihnen nicht als ein Anwalt unter vielen, der zufällig jüdischen Glaubens ist - nicht als Mensch, der, wie es leider vielfach geschieht, zum Schaden menschlicher Würde seine Provenienz, seine Konfession versteckt. Ich bekannte mich vor Ihnen als Jude, der die unpopuläre, undankbare Aufgabe der Vertretung des allgemein gefühlsmäs- sig verfemten Privatbeteiligten übernommen hat, 
um dem Unrecht, dem Phrasentum, der beschä- menden Geistesverwirrung dieser Zeit entgegen zu treten. Und in diesem Sinn, noch einmal, bekenne ich mich voller Stolz als Angehöriger der Gemein- schaft, die während ihres Bestehens durch die Jahr- tausende immer für die höchsten Güter der Mensch- heit eingetreten ist. Dass diese Wertung nicht Aus- druck übersteigerten Selbstgefühls, sondern objek- tiver Wahrheit ist, möge Ihnen ein Forscher und Denker von/'-massgebendem Wert, ein deutscher Pfarrersohn, der so oft von der Gegenseite als Kron- zeuge für den Antisemitismus angeführt wird: Frie- drich Nietzsche, bestätigen. Nietzsche sagt in sei- nem Werke «Menschliches, Allzumenschliches»: «Ich möchte wissen, wieviel man bei einer Ge- samtabrechnung einem Volke nachsehen muss, welches nicht ohne unsere Schuld die leidvollste Ge- schichte unter allen Völkern gehabt hat, und dem man den edelsten Menschen (Christus), den rein- sten Weisen (Spinoza), das mächtigste Buch (die Bi- bel) und das wirkungsvollste Sittengesetz der Welt verdankt». Diesem hohen Sittengesetz will auch ich entspre- chen und trotz des tiefen Judenhasses der Ange- klagten, trotz der Verunglimpfungen, die von ihrer Seite die Rotters und alle Juden erfahren haben, in voller Ruhe und Objektivität die Sachlage beleuch- ten und dabei auch dem Denken, der Weltanschau- ung, den Idealen der Angeklagten Gerechtigkeit wi- derfahren lassen. Das alles eingedenk des herrlich- sten Grundsatzes aller Völker: «Du sollst lieben Dei- nen Nächsten wie Dich selbst», der nicht, wie vielfach angenommen wird, eine antijüdische christliche Neuschöpfung, sondern seit alters die im dritten Buch Mose niedergelegte Lebensregel gera- de der Juden ist. - Herr Präsident, meine Herren Richter! Über den in diesen Tagen verhandelten Prozess hat eine gewisse «öffentliche Meinung» das Motto gesetzt, das ein Dichter, Franz Werfel, in dem hohen Verantwortungs- und Gerechtigkeitsgefühl der Ju- den, zu denen auch er gehört, fast wörtlich, nur in der Einzahl, zum Thema/'-''eines seiner grossen Ro- mane gemacht hat : «Nicht die Mörder, die Ermor- 75
        

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