ZUR ERSTVERÖFFENTLICHUNG DES ROSENBAUM- PLÄDOYERS / NORBERT HAAS Eintausend Juden, vor allem aus Frankfurt, warten zu Beginn der Woche auf dem Badischen Bahnhof in Basel auf Einlass in die Schweiz. Die Zeitungsmel- dungen werden die Stimmung der Rotterattentäter noch gehoben haben. Schwer atmend. Feierlich. Stirnrunzelnd. Gelächter als Hustenanfall. Rasselnd. Fuchtelnd. Wie Mister Deasy. So hat man sich wohl auch den Trupp SRRF vorzustellen. Und genauso wie Deasy lancieren sie Hetzartikel in der Zeitung. Die Be- schreibungen bei Joyce sind einem aufmerksamen Registrieren von gesellschaftlich-kulturellen Gesten konkretester Art zu verdanken.21 Anlässlich seiner Vernehmung am Tag nach der Tat sagt S. laut Protokoll: «Mir ist es furchtbar, dass ich daran schuld bin, dass zwei Menschen das Leben verloren haben. Das wollte ich sicher nicht. ... Ich habe das Unternehmen gemacht, nicht weil ich ein Judenhasser bin, oder weil ich die Rotter's selbst kannte, sondern ich habe es lediglich unternommen, weil ich die Ehre Liechtensteins wiederherstellen wollte...». Nicht weil er ein Judenhasser ist, hat S. «das Un- ternehmen gemacht». Vielleicht ist es die sprachliche Unbeholfenheit des Protokollanten, die macht, dass S. hier die Wahrheit sagt, die er in so eindeutiger Form sicher nicht preisgeben wollte: eben dass er Ju- denhasser ist. Vielleicht formuliert S. selbst in dieser zweideutigen Weise. Eindeutig ist dann der Brief, den die Schwester von S., Emma Roeder-Schädler am 11. September 1933 an Hitler schrieb, den sie bittet, sich anlässlich des Besuchs des liechtensteinischen Regierungschefs in Berlin am 15. des Monats für ihren Bruder und ihren Neffen R. zu verwenden. In diesem Brief sind folgende Taten von S. als des- sen Verdienst aufgeführt: er habe vor fünf Jahren den Bau eines Schächthauses für Schweizer Juden durch Lichtbildervorträge verhindert; er habe, als die Re- gierung das Geburtshaus des berühmtesten Liech- tensteiners, des Komponisten Rheinberger, «dem Ju- den Sternberg» verkaufen wollte, sein Möglichstes getan, auch dies zu verhindern; und schliesslich, er habe in Liechtenstein die NSDAP einführen und ganz nach «deutschem Muster arbeiten» wollen. Wörtlich: «Voll tiefsten Dankes drängt es mich, Ihnen einmal zu sagen, wie sehr ich Sie verehre und liebe um all des 
Guten und Grossen, das Sie für Deutschland getan. - Und so fühlen mit mir alle meine Verwandten - ins- besondere mein Bruder, der wie ich von allem Anfang an geistig mit Ihnen ging. - Wir sind ganz glückselig über das von Ihnen geschaffene neue Deutschland. Unsere Familie hier in Liechtenstein ist urdeutscher Gesinnung...». Und: «0 lieber Hitler hilf uns».22 Es war also schon einiges von Liechtensteiner Sei- te getan worden, und die These, Leute wie SRRF sei- en von der ins Land hereinschwappenden Welle der Nazipropaganda erfasst worden, ist mit Sicherheit zu relativieren. Der harte Kern Liechtensteiner Nazis je- denfalls wusste es anders. Freiherr Carl von Vogel- sang schreibt in «Sturm im Wasserglas»: « - Es kam das Jahr 1933, der siegreiche Durchbruch des Natio- nalsozialismus und damit auch in Liechtenstein ein starkes Anstranden der Ausläufer dieser Wellen- bewegung. Aber auch hier musste erst eine innere Explosion die Pforten von innen sprengen, diese Wel- len einzulassen.»'13 Solche Explosionen, innere, das heisst im Land vorbereitete, von liechtensteinischem Boden aus erfolgende, hat es tatsächlich gegeben. In der Folge des Attentats haben dann über siebenhun- dert Personen eine Petition unterschrieben, in der sie 17) Im «Liechtensteiner Volksblatt» und in den «Liechtensteiner Nachrichten» während des 
März 1929 wiederholt, insbesondere aber zur Versammlung der Schächtgegner in Triesenberg am 17. März. 18) James Joyce: Ulyssos. Übersetzt von Hans Wollschläger. Frank- furt am Main: Suhrkamp 1984 (2. Aufl.). S. 49. 19) Weiss, Yfaat: Deutsche und polnische Juden vor dem Holocaust. Jüdische Identität zwischen Staatsbürgerschaft und Ethnizität 1933-1940. München, 2000. Darin insbesondere das Kapitel «Die Auseinandersetzungen um das koschere Schlachten». S. 56-78. 20) Joyce, wie 
Anm. 18.. S. 51 f. 21) Interessant in diesem Zusammenhang, was Maria von Ramin bei ihrer Vernehmung über den Erregungszustand von Eugen F. vor und unmittelbar nach der Tat zu Protokoll gegeben hat. Siehe LLA. S 66/43 (Ordnungsnummer 39). 22) Der Brief befindet sich im Politischen Archiv des Auswärtigen Amtes in Berlin (Siglo R 42704) und wurde von Peter Kamber an- lässlich seiner Arbeit an eben diesem Archiv im November 2003 aufgefunden. 23) Vogclsang, wie Anm. 3. S. 158. 65
        

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