gehren reichten, waren rasch gesammelt, nachdem die Gegner landauf, landab Veranstaltungen abhiel- ten, an denen Rudolf Schädler mit einem Lichtbilder- vortrag gegen das Schächten, aber auch politische Prominenz wie Dr. Wilhem Beck aufgetreten waren. Welche Argumente waren zu hören? Am deutlichs- ten, dass das rituelle Schlachten, das den gläubigen Juden vom Gesetz vorgeschrieben ist, Tierquälerei sei. Dann, dass mit der Schächterlaubnis sich das Land in Gegnerschaft zur Schweiz begebe, die das Schächten verboten hatte, und man also Schritte der Schweiz gegen Liechtenstein zu gewärtigen habe. Dann, dass das Land aufgrund seiner Naturgegeben- heiten gar nicht in der Lage sei, Mastvieh für das Schächthaus zu produzieren. (Zum Experten für Mastvieh aufgeschwungen hatte sich Wilhelm Beck, der an der Veranstaltung überhaupt mehr getan zu haben scheint als seine Parteipflicht.) Und schliess- lich, dass mit der Notwendigkeit, das Schlachtvieh aus der Schweiz zu importieren (worauf die Regie- rung die Einfuhr in ihrer Bewilligung beschränkt hat- te), die Gefahr des Importes von Tierseuchen zuneh- me. Das war nicht zu bestreiten. Liest man die Arti- kel in den Zeitungen und die Berichte von den Veran- staltungen der Schächthausgegner17 fälltjedoch auf, wie oft das letzte Argument wiederkehrt. Die Vermu- tung liegt nahe, dass die Rede von Maul- und Klauen- seuche war, es jedoch darum ging, eine ganz andere Art von Angst vor «Verseuchung» zu schüren. LANDESREINIGUNG «Die Geschichte, sagte Stephen, ist ein Alb träum, aus dem ich zu erwachen versuche.»1S In der Schweiz war das rituelle Schlachten nach dem jüdischen Gesetz bereits 1893 nach einer Volksab- stimmung verboten worden. Seit 1894 betrieben die deutschen Tierschutzvereine eine Kampagne gegen das Schächten ohne Betäubung - ihnen schlössen sich die Nationalsozialisten in den zwanziger Jahren an - und hatten Erfolg: die Länder Bayern und Braun - schweig erliessen Verbote 1930 und 1931. Von Be- ginn an waren die Kampagnen, die im Namen der 
«Humanität» und des Tierschutzes geführt wurden, nicht frei von antijüdischen Tönen und Untertönen.19 Joyce, der in solchen Dingen nie versagende Seis- mograph, stellt in seinem 1914 bis 1921 geschriebe- nen «Ulysses» gleich zu Beginn Juden und Maul- und Klauenseuche in einen Zusammenhang und findet folgende Formel für den judenverachtenden Gestus seiner (unserer) Zeit: «Mr. Deasy schwer atmend und seinen Atem verschluckend. - Eins wollte ich nur noch sagen, sagte er. Irland hat, sagt man, die Ehre, das einzige Land zu sein, das niemals die Juden verfolgt hat. Wussten Sie das? Nein. Und wissen Sie, warum? Die klare Luft brachte ein strenges Runzeln auf sei- ne Stirn. - Warum, Sir? Fragte Stephen und begann zu lä- cheln. - Weil es sie nie hereingelassen hat, sagte Mr. Dea- sy feierlich. Ein Hustenanfall Gelächter sprang aus seiner Kehle, eine rasselnde Kette Schleim hinter sich herzerrend. Er wandte sich rasch ab, hustete, lachte, und seine er- hobenen Arme fuchtelten durch die Luft.»20 Irland, auch so ein katholisches Land mit anders- gläubigen und nichtgläubigen Minderheiten. Liech- tenstein aber hatte sie «hereingelassen», wenn auch nur eine Handvoll und nur deshalb, weil sie in der wirtschaftlichen Not der zwanziger Jahre durch ihre Einbürgerung etwas Geld ins Land brachten. SRRF und ihre Anhänger wollten sie wieder los sein, die «Neubürger». (Immer wenn ich das Wort «Neubür- ger» höre, sträubt sich in mir etwas. Ab wann ist man nicht mehr «Neubürger», nach fünf, zwanzig, hun- dert oder tausend Jahren?). Das Wochenende unmittelbar vor dem Attentat auf die Familie Schaie-Rotter war im «Reich» Gene- ralprobe für das, was folgen sollte: die ersten Boy- kotte und massiven Tätlichkeiten gegen jüdische Bürger und Bürgerinnen. Es lief wie ein Feuer über das Land, vor allem im Süden, und war selbst Teilen der Naziführung zuviel, die zu Beginn ihrer Herr- schaft noch auf internationale Reputation achtete. 64
        

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