HEUTE WIE DAMALS, HISTORISCHE «NULLZEIT» In dem Buch eines Historikers, das in den letzten Jah- ren erfolgreich war, Chris 
Lorenz' Konstruktion der Vergangenheit. Eine Einführung in die Geschichts- theoriew lese ich: «[Derridas] Interpretationen set- zen sich wie Parasiten auf Texten fest und saugen sie leer, bis ihre Ordnung untergraben ist.»11 Ich lese und bin sprachlos, nachdem ich mich über viele Buchsei- ten hinweg schon gewunderthabe, wie ungeniert der Autor als Theorie («Geschichtstheorie») ausgibt, was in Wirklichkeit ein Zeugnis wohlgenährten Ressenti- ments ist: Abwehr all dessen, was in den letzten Jahr- zehnten von der Gruppe der Historiker um die Zeit- schrift «Annales» (Fernand Braudel, Luden Febvre u.a.) und unter den Namen Strukturalismus und Post- moderne die Diskussion in den Geschichtswissen- schaften entscheidend angeregt hat. Nun. Man muss es nicht unbedingt verstehen, was diese gescheiten Franzosen seit den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts ausgeheckt haben. Man könnte auch über das Unverständnis stillschweigend hinweggehen, wären da nicht die Kapitel über Michel Foucault und Jacques Derrida. Sie sind charakteri- stisch für Lorenz' Arbeitsweise. Beide, Foucault wie Derrida, werden so gut wie keinmal direkt zitiert, sondern erscheinen allein im dritten Aufguss ihrer Kritiker, die Lorenz als Zeugen aufruft. Und so kommt es dann eben zu dem zitierten Satz: «[Derridas] In- terpretationen setzen sich wie Parasiten auf Texten fest und saugen sie leer, bis ihre Ordnung untergra- ben ist.» Lorenz sagt es nicht selbst, er lässt es sagen. Er zitiert nur. Er möchte sich offenbar nicht den Mund verbrennen, wenn es zur Sache geht. Denn ge- sagt ist in dieser Anmerkung nichts anderes als: Der- rida ist halt ein Jud. PARASITEN Die Juden sind Parasiten. Sie sind die Parasiten «unserer» (abendländischen) (christlichen) (wissen- schaftlichen) Kultur. Sie haben es mit der Schrift und den Texten, an denen sie saugen wie die Blattläuse. 
Und sie treiben es. Sie treiben es, wie wir gehört ha- ben, bis alle Ordnung (der Texte) untergraben ist. Damit sind wir aber mitten in der völkischen Para- noia der Nazis. Die Volksgemeinschaft - und das war auch der Glaube dieses unsäglich scheddrigen völkischen Stosstrupps SRRF (Schädler, Rheinber- ger, Röckle, Frommelt) - muss sich, um zu gesun- den, von diesen Parasiten befreien. Vielleicht wird man eines Tages genauer wissen, wie und warum es in dieser liechtensteinischen Gesellschaft der späten 1920er Jahre zur Herausbildung solcher kleinen Trupps voll nebliger Ideologie kommen konnte. Säu- berungsfanatiker sind es. Behaupten in den Ver- hören vor dem Vaduzer Untersuchungsrichter, sie handelten in höherem, in patriotischem Interesse, verstehen sich als «deutschnational», als Anhänger einer deutschen Volks- und Blutsgemeinschaft, die nur als Phantasie (als Ausschliessungs- und Reini- gungsphantasie) existiert. S., schreibt seine Schwe- ster12 an Hitler, sei Komponist und komponiere in «altdeutscher Art» (also nicht «entartet» wie diese Schönberg, Weill und Eisler!). Und ein Trupp (von vieren samt Anhängerschaft) ist SRRF sicher auch aus dem Grunde, dass die paranoiden Bewusst- seinsbildungen immer die Deckung durch das Bündlerische, die Fronde, das Racket suchen, da die Mitglieder als Einzelne Angst davor haben, ihren Wahnsinn allein zu glauben.13 Eines hoffentlich nicht zu fernen Tages wird be- schrieben werden, was im Hause der Witwe Marie von Ramin in Vaduz vor sich ging, die ebenfalls ver- nommen wird. Der junge F. war ihr «Sekretär», für S. war ihr Haus eine «Anlaufstation» ähnlich wie die Burg Gutenberg in Balzers, der Familiensitz von R. - «Judengegnerschaft», wird die Zeitung «Der Hei- matdienst» einige Zeit nach den Ereignissen von 1933 schreiben, liege im «natürlichen Empfinden» des liechtensteinischen Volkes.14 «An allem ist nur der Jude Schuld» - mit Sicherheit geisterten Abstrusitäten dieser Art in den «Diskus- sionen» von SRRF (und Anhängerschaft). Sie lasen den Nürnberger «Stürmer» und lernten aus diesem Hetzblatt den Dialekt des Antisemitismus. Und wenn die Katastrophe von Gaflei blutig ausgegangen ist, war sie auch eine Art mimetische Opferpraxis. Denn 62
        

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