Will man ein Volk kennen, so muss man es durch den Vergrösserungsspiegel seiner Juden betrachten. Bernard Lazare, Le furnier de Job1 «Natürlich ist die Korrektur des lokalen Gedächtnis- ses durch die Wissenschaft erforderlich, wenn Ver- stümmelungen und Verleugnungen sich im Schatten der Authentizität einschleichen wollen; zugleich wird, es aber durch die umfassende Verwissenschaft- lichung kollektiver historischer Erfahrung zuneh- mendschwieriger, die eigene Traditionslinie mit der wissenschaftlich approbierten zu verbinden. Eine Folge: die lokale Überlieferung bleibt sich selbst über- lassen, und ihre Tendenz, verharmlosend zu erin- nern, wird nicht korrigiert und kontrolliert. Die Hei- matgeschichte steht so in Gefahr, wirklich zur heilen Idylle zu verkommen, auf die man sich in aller Un- schuldzurückzieht, wenn nach der eigenen Teilhabe an dieser Geschichte gefragt wird.»2 
ANTISEMITISMUS Dass Fürstin Elsa von Liechtenstein Alfred und Ger- trud Schaie-Rotter in Bad Ragaz kennengelernt, sie vor der Gefahr, die ihnen als Juden in Deutschland drohte, gewarnt und auf die Möglichkeit einer Ein- bürgerung in Liechtenstein hingewiesen haben soll, gehört wahrscheinlich ins Reich der Legende. Carl von Vogelsang behauptet es in seinem Manuskript von 1937 «Sturm im Wasserglas?», dessenAussagen nicht ungeprüft übernommen werden dürfen.3 In ei- nem jedoch ist diese Schrift absolut glaubwürdig: als Dokument der antisemitischen Gesinnung ihres Au- tors. Sie ist es, die Vogelsang wie unter Zwang an- nehmen lässt, dass immer und überall, wo Juden ein- ander begegnen, Absprachen getroffen würden und Verschwörung stattfinde. Fürstin Elsa heisst im Text dann auch Elsa Gutmann (nach ihrem jüdischen Mädchennamen). Als sicher nimmt Vogelsang an, dass ihr die «Schandtaten der Rotter-Schaie» zu dem Zeitpunkt nicht bekannt waren. Doch heisst es wörtlich: «Auf alle Fälle ist es bezeichnend, 
dass sie diese Juden ins Land verwies.»4 So bedient Vogelsang das antisemi- tische Vorurteil in einer Angelegenheit, die als die natürlichste von der Welt gelten könnte: Eine Frau v. Liechtenstein macht einen Herrn und eine Frau Schaie auf eine Gefahr aufmerksam und versucht, ih- nen zu helfen. Dass Carl von Vogelsang in jeder Zeile, die er schreibt, Antisemit ist, daran kann kein Zweifel sein. Schwieriger und oft rekonstruktiver Erschliessung bedürftig ist das Verhalten anderer, die in die Kata- strophe der Familie Schaie-Rotter verwickelt waren. Alfred, Gertrud und Fritz Rotter, deren Rechtsbei- stand Dr. Ludwig Marxer war, besassen seit Flerbst 1931 das Bürgerrecht von Mauren. Das Amtsgericht Charlottenburg in Berlin eröffnet das Konkursver- fahren gegen sie am 23. Januar 1933. Die Fahndung nach Alfred und Fritz Rotter läuft seit dem 22. Janu- ar. Der kranke Alfred Rotter befindet sich mit seiner Frau seit längerer Zeit zur Kur in der Schweiz und dann in Liechtenstein. Fritz Rotter ist seit 20. Januar nicht mehr in Berlin. Am 9. Februar 1933 erlässt der Generalstaatsanwalt beim Landgericht I in Berlin 58
        

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